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Der Rote Gourmet - Prolog

Autorenbild: Michael Weber
Michael Weber
9. Sept.
6 Min. Lesezeit


Mein erstes Buch "Der Herzensammler" befindet sich nun entgültig in der Vorbereitung zur Veröffentlichung.


Aber es kommt noch besser: ich präsentiere ich heute schon den Anfang des zweiten Teils rund um Anna Slotkovas Fälle.

Viel Spaß beim lesen.

Lasst gerne eure Eindrücke da.


Prolog


Er stand vor der weißen Arbeitsfläche seiner makellosen Küche und schnitt Tomaten in gleichmäßige Würfel. Jeder Schnitt saß mit akkribischer Präzision. Das Messer glitt lautlos durch das Gemüse.

Nur einige Spritzer Tomatensaft trafen seine grüne Schürze. Er betrachtete sie kurz und strich sie mit der Hand glatt. In weißen, Lettern stand darauf:

Live – Love – Meat

Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Perfektion gibt es nicht“, murmelte er. „Aber man kann sich ihr mit jedem Handgriff nähern.“

Er drehte sich in Richtung des Wohnzimmers.

„Hey, wie magst du deine Burger eigentlich am liebsten? Ich esse sie gerne richtig schön saftig. Nur kurz angebraten. Fleisch sollte seinen eigenen Geschmack behalten. Zu viele Gewürze sind etwas für Menschen, die schlechte Qualität verstecken wollen. Findest du nicht auch?“

Er wartete einen Moment. Dann nach einem kurzen Augenblick...

„Ach richtig …“

Ein leises Schmunzeln huschte ihm übers Gesicht.

„Du kannst ja gerade gar nicht antworten.“

Aus dem Wohnzimmer erklang entspannter Jazz aus einem alten Grammophon.

Er legte das Messer sorgfältig neben das Schneidebrett, richtete die Tomaten noch einmal gerade aus und nahm das Messer anschließend wieder in die Hand. Von der Klinge tropfte rote Flüssigkeit. Dann ging er, das Messer immer noch in der Hand haltend ins Wohnzimmer nebenan.

Vor ihm saß ein Mann in einem braunen Ledersessel. Hände und Füße waren sorgfältig gefesselt. Der lederartige Knebel ließ nur gedämpfte Laute zu. Seine weit aufgerissenen Augen verrieten blanke Panik.

Der Gastgeber hingegen wirkte vollkommen entspannt.

„Hab dich nicht so. Es ist ein schöner Abend. Die Nacht ist noch jung. Gute Gesellschaft, gute Musik … jetzt fehlt eigentlich nur noch gutes Essen.“

Er zog seinen Gast behutsam auf die Beine und legte ihm die Arme um die Schultern.

„Ein Gastgeber sollte seine Gäste niemals warten lassen.“

Langsam begann er, mit ihm im Takt der Jazzmusik zu tanzen. Der Gefesselte taumelte hilflos hin und her. Plötzlich verlor er das Gleichgewicht.

Mit einem dumpfen Krachen schlug er gegen den Glastisch und blieb regungslos liegen. Blut lief über seine Schläfe.

Der Gastgeber seufzte.

„Wie ungeschickt.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ein gepflegter Abend lebt von Stil.“

Er half dem Mann wieder in den Sessel, als hätte sich dieser lediglich unwohl gefühlt.

Dann stach er ihm das Messer ruhig und ohne Hast in den Bauch.

Der Mann riss die Augen auf.

Der Gastgeber zog den Knebel aus seinem Mund.

"Du Scheißkerl! Was soll das? Wo bin ich?“

Der Schrei hallte durch den Raum.

Eine Ohrfeige brachte augenblicklich Ruhe.

„Nicht schreien. Das verdirbt die Atmosphäre.“

Er lächelte freundlich.

„Schön wach bleiben. Noch ein bisschen. Du bist schließlich mein Gast. Ich habe dich zum Essen eingeladen. Meine Gäste erfahren immer, woher das Fleisch stammt und wie die Aufzucht war. Transparenz ist mir wichtig.“ Dann verließ er für einen Moment wieder das Zimmer. Er kam mit Plastikrollen unter dem Arm zurück.

Jetzt begann er damit sorgfältig Planen im Wohnzimmer auszubreiten. Jede Ecke wurde glattgestrichen.

Er betrachtete sein Werk zufrieden.

„Ordnung gehört zu einer guten Küche.“

Anschließend holte er einen Fleischhammer aus der Küche.

„Weißt du … Fleisch für einen guten Burger muss sorgfältig vorbereitet werden. Man darf nichts überstürzen.“

Er legte seinen Gast vorsichtig auf die Plane und schob ihm den ledernen Knebel wieder in den Mund.

Dann beugte er sich lächelnd zu ihm hinunter.

„Also noch einmal … wie möchtest du dein Fleisch zubereitet haben?“


---


Am selben Abend, drei Stunden zuvor


Die letzten Sonnenstrahlen spiegelten sich auf der Wasseroberfläche des Phoenixsees. Spaziergänger schlenderten an der Promenade entlang, Radfahrer klingelten sich ihren Weg frei und zwischen ihnen drehten Jogger ihre Runden.

„Nicht schneller“, sagte der Coach ruhig. „Sondern konstanter.“

Sein Klient keuchte schwer. Das graue Funktionsshirt klebte ihm am Rücken, der Atem ging stoßweise.

„Ich… brauche… eine Pause.“

„In zweihundert Metern.“

„Das hast du eben auch schon gesagt.“

„Und du bist trotzdem weitergelaufen.“

Der Mann lächelte kurz.

„Siehst du? Es funktioniert.“

Sein Klient schüttelte den Kopf, musste aber grinsen. Sie liefen schweigend weiter, bis der Coach schließlich auf seine Smartwatch blickte.

„Jetzt.“

Der Klient blieb stehen, stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft.

Der Coach reichte ihm wortlos eine Trinkflasche.

„Danke.“

„Bitte.“

Während sein Klient trank, betrachtete er ihn aufmerksam. Sein Blick glitt über Schultern, Brust, Bauch und Beine – sachlich, beinahe analytisch.

„Vier Kilo weniger“, sagte der Klient stolz.

„Drei Komma acht.“

„Du bist wirklich genau.“

„Zahlen lügen nicht.“

Der Klient lachte.

„Manchmal glaube ich, du kennst meinen Körper besser als ich.“

Der Coach nickte gelassen.

„Das ist mein Beruf.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll“, sagte der Klient.

„Dafür bezahlst du mich.“

„Nein. Ich meine nicht das Training. Seit wir zusammenarbeiten, traue ich mich wieder unter Menschen.“

Er klopfte seinem Klienten freundlich und anerkennend auf die Schulter. Dann deutete er auf den Bauch seines Klienten.

„Hier sitzt aber noch mehr Potenzial.“

Der Mann zog reflexartig sein Shirt etwas nach unten.

„Mein Problembereich.“

„Viele lagern Fett dort ein.“

Er überlegte kurz.

„Interessant eigentlich.“

„Was?“

„Wie ähnlich Menschen und Schweine aufgebaut sind.“

Der Klient runzelte die Stirn.

„Jetzt bin ich gespannt.“

„Anatomisch gibt es erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Deshalb werden Schweine in der Medizin bis heute intensiv erforscht.“

„Na toll. Jetzt fühle ich mich wie ein Schwein.“

Der Coach lächelte freundlich.

„Das habe ich nicht gesagt.“

Eine kurze Pause.

„Ich finde Vergleiche nur spannend.“

Sie setzten ihren Weg fort.

Wenig später betraten sie einen Supermarkt.

„Heute kaufen wir direkt für die ganze Woche ein“, sagte der Coach und schob einen Einkaufswagen vor sich her.

„Ich wollte diesmal mehr vegetarisch ausprobieren.“

Der Klient griff nach einer Packung pflanzlicher Burger-Patties.

Der Coach nahm sie aus seiner Hand und stellte sie kommentarlos zurück ins Regal.

„Nicht heute.“

„Du bist wirklich konsequent.“

„Konsequenz schafft Gewohnheiten.“

Sie gingen weiter bis zur Frischetheke.

Der Coach blieb stehen.

„Hier.“

„Muss es unbedingt Fleisch sein?“

„Wenn Fleisch, dann gutes Fleisch.“

Er betrachtete die Auslage aufmerksam.

Weißt du, was mich an Fleisch fasziniert?“, fragte der Coach.

„Was denn?“

„Es lügt nicht.“

Der Klient sah ihn verständnislos an.

„Gemüse kann jeder anbauen. Brot kann jeder backen. Aber gutes Fleisch erzählt immer eine Geschichte. Von Haltung. Bewegung. Ernährung. Ein Koch kann daraus lesen wie aus einem Buch.“

Die Verkäuferin trat an die Theke.

„Was darf es sein?“

„Vier Hähnchenbrustfilets, fünfhundert Gramm Rinderhack und zweihundert Gramm Rinderleber, bitte.“

Der Klient verzog das Gesicht.

„Leber? Ernsthaft?“

„Ein hervorragendes Lebensmittel.“

„Die mag doch kaum jemand.“

„Schade eigentlich.“

Der Coach betrachtete die Fleischstücke hinter der Glasscheibe mit ruhigem Blick.

„Die meisten Menschen wollen nur Filet oder Steak. Alles andere wird ignoriert.“

Er schwieg einen Moment.

„Dabei hat jedes Teil seinen Wert.“

Der Klient zuckte mit den Schultern.

„Ich bin da unkompliziert.“

„Das bist du.“

Der Coach lächelte.

„Aber wir wollen lernen, Lebensmittel bewusster auszuwählen.“

Nachdem die Verkäuferin alles eingepackt hatte, legte er die Päckchen sorgfältig nebeneinander in den Einkaufswagen.

„Weißt du, was mich noch fasziniert?“

„Was denn?“

„Wie selbstverständlich Menschen entscheiden, welches Fleisch essbar ist und welches nicht.“

Der Klient lachte.

„Das klingt jetzt ziemlich philosophisch.“

„Vielleicht.“

Der Coach schob den Wagen langsam weiter.

„Vielleicht ist Ernährung auch viel mehr Philosophie als bloß Kalorienzählen.“

Der Klient nickte nachdenklich.

„Deshalb komme ich gerne zu dir.“

„Warum?“

„Du bringst mich dazu, über Dinge nachzudenken, über die ich sonst nie nachdenken würde.“

Der Coach lächelte zufrieden.

„Genau deshalb machen wir Fortschritte.“

Gemeinsam gingen sie zur Kasse.

Die Einkäufe verstauten sie anschließend gemeinsam im Kofferraum. Der Coach achtete darauf, dass die Fleischpakete ganz oben lagen und nichts darauf abgelegt wurde.

„Steig ein“, sagte er und öffnete die Fahrertür.

Während sie durch die Straßen fuhren, herrschte zunächst Schweigen. Im Autoradio lief leiser Jazz.

„Übrigens“ begann der Coach schließlich, „ich schulde dir noch etwas.“

Sein Klient sah ihn fragend an.

„Vor ein paar Wochen habe ich dir doch versprochen, dich zum Essen einzuladen, wenn du es schaffst, mindestens zwei Kilo abzunehmen. Erinnerst du dich?“

Der Mann lächelte.

„Stimmt. Ich dachte schon, du hättest das vergessen.“

„Ich vergesse selten etwas.“

„Dann freue ich mich drauf.“

„Heute wäre ein guter Abend.“

Der Klient nickte zustimmend.

„Klingt gut. Ich würde nur gern vorher kurz nach Hause. Nach dem Laufen könnte ich eine Dusche vertragen.“

„Selbstverständlich.“

Der Coach lächelte.

„Ein gutes Essen verdient eine angemessene Vorbereitung.“

Wenige Minuten später hielt der Wagen vor einem Mehrfamilienhaus.

„Wie lange brauchst du?“, fragte der Coach.

„Eine halbe Stunde müsste reichen.“

„Kein Problem. Ich hole dich wieder ab.“

„Perfekt. Bis gleich.“

Der Klient stieg aus und verschwand im Haus.

Der Coach blieb noch einen Moment sitzen. Sein Blick ruhte auf dem Eingang. Erst als die Haustür hinter seinem Klienten ins Schloss gefallen war, startete er den Motor und fuhr davon.

Exakt dreißig Minuten später hielt derselbe Wagen erneut vor dem Haus.

Der Klient stieg ein, frisch geduscht und in sauberer Kleidung.

„Du riechst nach Aftershave“, bemerkte der Coach anerkennend.

„Wenn schon Dinner, dann richtig.“

„Ganz meine Meinung.“

Der Coach wartete, bis sein Gast angeschnallt war.

„Bevor wir losfahren …“

Er griff hinter den Beifahrersitz.

„… habe ich noch eine kleine Überraschung.“

Der Klient drehte den Kopf.

Im selben Augenblick presste der Coach ihm ein mit einer stechend riechenden Flüssigkeit getränktes Tuch auf Mund und Nase.

Der Mann riss erschrocken die Augen auf und versuchte sich loszureißen. Seine Bewegungen wurden jedoch innerhalb weniger Sekunden langsamer. Schließlich fiel sein Kopf kraftlos zur Seite.

Der Coach überprüfte ruhig seinen Puls, richtete den Sicherheitsgurt ordentlich zurecht und startete den Motor.

Während der Wagen lautlos durch die Dunkelheit glitt, summte er die Melodie mit, die leise aus dem Autoradio erklang.

Zu Hause warteten bereits die vorbereiteten Zutaten.


 
 
 

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