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Billy the Cat im Sweet Dreams Land

  • simongra
  • 3. März
  • 7 Min. Lesezeit


Als Audio hier:


Billy saß draußen auf der Veranda ihres Hofes und schaute weit in die Ferne. Dort hing bereits tief die Abendsonne am Firmament und tauchte alles rings herum in goldrotes Licht.

Billy seufzte. Ein weiterer anstrengender Tag voller Rinder treiben, Pferde vom Sattel aus zähmen und Hühnern Eier zu stibitzen ging zu Ende.

Seamus, der Ire mit dem er dort lebte, war bereits hinein gegangen und kochte Suppe.

Doch Billy war heute noch nicht nach Ruhe und Frieden. Er wollte etwas erleben.

Er sprang vom Geländer, richtete sich den Hut und machte sich auf den Weg in Richtung Stadt.

Die Sonne hing noch immer tief zwischen den Dächern der Holzhäuser zu seiner Linken und Rechten, als Billy die Hauptstraße entlangging. Sein rotes Tuch saß ordentlich um den Hals, der Hut war jetzt tief in die Stirn gezogen und die Stiefel klackerten leise über den kiesigen Boden des Gehwegs.

Billy war nicht hier, um Ärger zu suchen. Er wollte nur eines: eine Schale Milch im Saloon und dazu gute Unterhaltung.

Die Flügeltüren schwangen auf, als er eintrat. Drinnen war es warm. Rauch hing unter der Decke, Karten klatschten auf Tische, ein Pianist klimperte eine müde Melodie. Gespräche verstummten für einen Moment, als Billy eintrat.

„Abend, Billy“, murmelte der Barkeeper und stellte wortlos eine Schale Milch auf den Tresen.

Billy sprang auf den Tresen, setzte sich würdevoll und begann zu trinken. Für einen Moment war alles ruhig.

Dann lachte jemand.

Ein Fremder. Breite Schultern. Staubiger Mantel. Augen wie kaltes Blech. Nie zuvor hatte man ihn hier gesehen.

„Seht euch das an“, sagte er höhnisch. „Ein Kater mit Hut. Was kommt als Nächstes? Ein Hund als Sheriff?“

Ein paar Männer, die offensichtlich zu ihm gehörten, lachten unsicher.

Billy hob den Kopf langsam. Seine gelben Augen musterten den Fremden. Er sagte nichts. Er musste nichts sagen.

Der Mann trat näher. „Du meinst wohl, du bist was Besonderes, hm?“

Er stieß mit dem Finger gegen Billys Hut.

Im Raum knisterte jetzt die Luft. Ein Gewitter schien sich zusammen zu brauen.

Billy stellte die Milch beiseite. Ganz ruhig.

„Lass es“, murmelte jemand vom Kartentisch weiter hinten.

Der Fremde grinste nur. „Oder was? Zeigt der mir sonst seine Krallerchen?

Ein paar der Männer lachten. Es war kein freundliches Lachen.

Billy sprang vom Tresen. Langsam. Bedächtig.

Seine Pfote ruhte am Griff seines Revolvers.

Der Barkeeper flüsterte: „Nicht hier… nicht im Saloon.“

Billy entschied sich für den Frieden. Er drehte sich um und ging zur Tür.

Er würde draußen warten. Unter freiem Himmel.

Es war inzwischen dunkel geworden. Der Mond schien hell und voll in einer wolkenlosen und sternenklaren Nacht.

Billy stand noch eine Weile so dar, schaute hoch zum Mond und gähnte herzhaft und ausgedehnt.

Dann traf es ihn mit voller Wucht.

Ein kurzer, heller Blitz, dann Dunkelheit.

Jemand hatte ihn von hinten geschlagen.

---

Billy erwachte. Langsam, Licht durchdrang seine Lieder. Er hörte Stimmen und geschäftiges Treiben.

Merkwürdig, er erninnerte sich, dass er nachts draußen vor dem Saloon gestanden hatte doch an sonst nichts mehr.

Er öffnete die Augen und richtete sich auf.

Zunächst schien alles normal zu sein. Ihm fiel nichts auf. Doch als er seinen Hut aufheben wollte, klebte dieser fest.

Die Straße glänzte wie Zuckerguss. Die Häuser waren aus Lebkuchen gebaut, ihre Fenster aus geschmolzenem Karamell. Die Luft roch nach Vanille und Erdbeeren.

Billy stand staunend da. Was war nur über nacht aus der Stadt geworden.

Von hinten tönte plötzlich eine kehlige Stimme.

„Du schläfst zu lange, Billy!“

Es war Seamus.

Der Ire stand vor ihm, geschniegelt wie am ersten Tag, das rote Haar leuchtete wie kandierte Äpfel.

„Die Bank braucht uns. Es gibt Ärger.“

Billy sprang ohne weiter zu fragen auf. Natürlich. Die Bank.

Sie liefen durch die Stadt aus Süßigkeiten. Laternen bestanden aus Zuckerstangen, Dächer aus Schokolade. Kinder spielten mit Bonbons im Staub aus Puderzucker. Vor der Bank, diese war ein massiver Bau aus weißem Marzipan, standen Männer.

Dunkle Mäntel. Hüte. Waffen. Sie kamen Billy aus irgendeinem Grund bekannt vor, doch konnte er sich keinen Reim daraus machen woher.

„Das goldene Sorbet mit Kroquant“, flüsterte Seamus. „Das Wahrzeichen der Stadt. Sie wollen es stehlen.“

Billy nickte. Natürlich wollten sie das.

Das goldene Sorbet war nicht nur Wahrzeichen, sondern zugleich auch das Wertvollste der Stadt. Es lag im Tresor, bewacht von Nussknacker Sheriffs hinter Karamellgittern.

Ein Schuss fiel.

Kugeln aus Lakritz schlugen gegen die Wände.

Billy zog seinen Revolver.

Er zielte und drückte ab.

Aus dem Lauf schoss allerdings kein Blei, sondern ein Stück Erdbeerkuchen mit Sahnehaube.

Es flog durch die Luft und klatschte mitten ins Gesicht eines der Banditen.

Der Mann schrie auf. Nicht vor Schmerz, sondern vor Klebrigkeit. Die Sahne rann ihm über die Augen, der Kuchen klebte an seinem Bart.

Billy schoss erneut.

Ein weiteres Stück Kuchen traf den Boden vor zwei weiteren Banditen. Der Zuckerguss breitete sich wie eine Falle aus. Die Stiefel der Männer blieben darin stecken.

„Was zum Teufel?“ rief einer.

„Es ist zu süß!“ schrie ein anderer, während er vergeblich versuchte, sich zu befreien.

Seamus lachte und schoss mit seinem Revolver, aus dem plötzlich Krokant-Splitter wie Funken sprühten.

Billy sprang auf ein umherstehendes Bonbonfass, warf sein Lasso, das nun aus Zuckerperlen bestand und zog einem Banditen die Beine weg. Der Mann landete in einer Pfütze aus geschmolzener Schokolade und blieb kleben.

Die Schießerei dauerte nicht lange. Nicht, wenn jede Kugel süß und jede Explosion aus bunten Streuseln bestand.

Am Ende lagen die Banditen am Boden, aneinander festgeklebt.

Draußen wartete die Arrestkutsche, die sie ins Gefägnis bringen sollte. Die Banditen wurden hinein geworfen, dann schloß sich hinter ihnen eine massive Tür aus Nougat.

Das goldene Sorbet war gerettet. Die Bürger der Stadt jubelten.

Der Bürgermeister, ein rundlicher Mann mit Weste aus Mandelblättchen, trat hervor.

„Billy the Cat! Seamus O’Riley!“

Er hielt zwei Orden hoch, es waren goldene Medaillen aus karamellisiertem Zucker mit ihren Namen darauf.

„Für Tapferkeit, Einfallsreichtum und vorbildliche Süßigkeitengerechtigkeit!“

Billy wurde der Orden an sein rotes Halstuch gepinnt. Er funkelte im Licht wie kandiertes Metall.

Billy trug ihn mit Stolz und Schnurren.

„Und außerdem“, sagte der Bürgermeister feierlich, „erhält Billy auf Lebenszeit freie Milch im Saloon!“

Die Menge jubelte. Billy lächelte. Es fühlte sich… gut und richtig an.

Dann löste sich die Szene in Nebel auf.

---

Am nächsten Morgen roch die Welt nach Staub. Nicht nach Zucker.

Billy blinzelte.

Der Himmel war blass. Sein Kopf pochte. Er lag auf der Straße hinter dem Saloon.

„Billy!“

Seamus’ Stimme war rau und panisch.

Der Ire kniete neben ihm, hielt seinen Kopf vorsichtig.

„Du lebst… Gott sei Dank.“

Billy versuchte aufzustehen. Seine Pfoten waren schwer.

Die Straße war voller Menschen.

Aufregung.

Geschrei.

„Die Bank!“ rief jemand. „Sie haben die Bank ausgeraubt!“

Billys Ohren zuckten. Die Bank? Er sah zum Gebäude hinüber. Fenster eingeschlagen. Die Tür aufgebrochen.

Sein Herz schlug schneller.

Kein Marzipan. Kein Zuckerguss. Aber… etwas fehlte.

Seamus half ihm auf.

„Sie haben Gold gestohlen. In der Nacht.“

Billy erinnerte sich.

Banditen. Schüsse. Der Tresor. Das goldene Sorbet mit Kroquant.

Natürlich.

Es war kein Sorbet gewesen. Es war Gold.

Billy setzte sich langsam auf. Sein Kopf schmerzte noch, aber sein Geist war klar.

Er hatte geträumt. Doch in diesem Traum hatte er gesehen, was passieren würde.

Oder was bereits geschah, während es tatsächlich geschah.

„Du warst bewusstlos“, sagte Seamus leise.

„Jemand hat dich niedergeschlagen. Wir haben dich erst heute früh gefunden.“

Billy blickte zur Bank. Zu den Spuren im Staub. Zu den Menschen, die nervös durcheinander redeten. Und dann sah er ihn.

Den Fremden vom Vorabend. Der Mann mit den kalten Augen.

Er stand am Rand der Menge.

Zu ruhig.

Zu still.

Billys Schwanz zuckte. In der Traumwelt war alles süß gewesen.

Hier war es bitter.

Aber das Prinzip war dasselbe. Banditen wollten Beute. Und jemand musste sie aufhalten.

Billy hob den Kopf.

Seamus folgte seinem Blick.

„Du weißt etwas“, murmelte der Ire.

Billy begann zu gehen.

Langsam. Zielsicher.

Der Fremde bemerkte ihn.

Seine Hand zuckte Richtung Revolver.

Zu spät.

Billy war schneller.

Diesmal kam kein Kuchen aus dem Lauf.

Diesmal war es Blei.

Der Schuss traf den Boden direkt vor den Stiefeln des Mannes.

Staub spritzte hoch.

Die Menge schrie auf.

Seamus zog ebenfalls seine Waffe.

„Bleib stehen“, sagte er ruhig.

Der Fremde erstarrte.

Weitere Männer bewegten sich am Rand.

Komplizen.

Billy sah sie. Er wusste es.

Vielleicht hatte er es im Traum gesehen. Vielleicht war es Instinkt. Aber er wusste es.

Der Kampf, der folgte, war nicht süß.

Kein Zuckerguss. Keine Sahne. Nur Staub, Schüsse und Schreie.

Doch Billy war wach und vorbereitet.

Und am Ende lagen die Banditen gefesselt auf der Straße.

Nicht klebend sondern festgebunden mit Seilen.

Der Sheriff kam angerannt. Zu spät, wie so oft.

„Was ist hier los?!“

Seamus deutete auf die Männer.

„Bankräuber.“

Der Sheriff blinzelte.

„Woher wusstet ihr?“

Seamus sah zu Billy.

Billy blinzelte nur.

Manche Dinge musste man nicht erklären.

Der Bürgermeister trat hervor.

Blass. Zitternd.

„Sie haben unser Gold gestohlen…“

„Nicht mehr“, sagte Seamus ruhig.

“Die Beute wurde gefunden. Versteckt in Fässern hinter dem Saloon.”

Der Bürgermeister sah Billy lange an.

„Du… hast uns wieder gerettet.“

Es gab keinen Orden dieses Mal. Kein Karamell mit Widmung darauf.

Aber der Barkeeper trat vor und stellte eine Schale Milch hin.

„Geht auf’s Haus. Und auch die nächsten wann immer du vorbeischaust.”

Billy sprang auf den Tresen. Trank langsam.

Die Welt war nicht aus Zucker, aber sie war real.

Und manchmal dachte Billy ist die Realität härter.

Seamus lehnte sich neben ihn.

„Du hast im Traum trainiert, hm?“

Billy sah ihn verschmizt an. Vielleicht.

Vielleicht war der Traum nur sein Kopf gewesen, der die Wahrheit in Zuckerguss verpackt hatte. Oder vielleicht gibt es Welten,

in denen Kuchen stärker ist als Kugeln.

Billy leckte den letzten Tropfen Milch.

Die Sonne stand nun entgültig fest am blauen Himmel. Doch Billy wollte ruhen, das war ihm fürs Erste genug Unterhaltung gewesen.

Heute würde er den Rest des Tages im Schatten unter der Eiche auf der Wiese ihrer Ranch verbringen und weiter träumen.


 
 
 

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