Der Herzen Sammler Kapitel 5-6
- simongra
- 30. Nov. 2025
- 16 Min. Lesezeit

Kapitel 5 – Rote Linie
Ja, das ist eine Neuigkeit.“ Anna pfiff.
Mert grinste sie weiter selbstgefällig an.
„Wie heißt der Kerl?“ Fragte Anna jetzt fast beiläufig, während sie weitere Nudeln von ihrem Teller aufgabelte.
„Elias M.“ Sagte Mert
„Elias M.?“ Fragte Anna ihn. „Und weiter? Konntest du seinen Nachnamen nicht rausbekommen? Oder wo er wohnt zum Beispiel?“
„Ich hab mich erst bei einigen Studenten umhören können und bin dann aber auch auf einige Bilder von dem Kerl gestoßen. Die waren so signiert. Der Vorname und Anfangsbuchstabe des Nachnamens.“ Antwortete Mert ihr.
„Aber jetzt kommt der Knaller. Der Punkt hinter dem M bildet auf jedem seiner Bilder ein kleines Herz.“ Er schaute sie erwartungsvoll an, als erwartete er Applaus von ihr zu bekommen.
„Und das ist also dein Anhaltspunkt, dass er der gesuchte ist?“ Anna zog die Brauen hoch.
„Na ja, da ist noch etwas.“ Mert grinste wieder als würde es ihm gefallen Anna so gespannt zu sehen und sie zappeln zu lassen.
„Alle vier Opfer hatten etwas mit diesem Elias zu tun. Unser erstes Opfer stand wohl Akt für ihn. Zu anatomischen Studien. Opfer Nummer zwei arbeitete gemeinsam mit ihm an einem Studienprojekt. Und Opfer Nummer vier ließ ihn wohl öfter ihr Atelier am Hafen mitbenutzen.“ Er stoppte und sah Anna an.
Sie hatte ihm aufmerksam zugehört und dabei weiter gegessen. Jetzt hob sie den Kopf und sah ihn wieder fragend an.
„Und das dritte Opfer?“ Sie gabelte weitere Nudeln von ihrem Teller und führte die Gabel langsam zu ihrem Mund.
Jetzt hatte Mert das wohl breiteste Grinsen, dass Anna jemals bei ihm gesehen hatte auf seinem Gesicht.
„War seine Freundin.“ Sagte er knapp.
Anna ließ die Gabel fallen, die noch vor ihrem geöffneten Mund in der Luft schwebte.
„Jap, ich weiß.“ Nickte Mert ihr zu.
„Davon hat der Kerl aus dem Loft uns nichts erzählt.“ Murmelte Anna.
„Du hast ihn auch nicht gefragt. Du warst nur schnell dabei ihn gehen zu lassen und zu bestätigen, dass er nichts mit dem Mord zu tun hat. Ob er uns mehr hätte, erzählen können war dir egal.“ Mert hatte sein Grinsen abgelegt und schaute Anna nun wieder ernst an.
„Auch ich mache Fehler Mert, aber gut, deswegen arbeiten wir wohl auch gut zusammen. Was mir entgeht siehst du und umgekehrt.“ Antwortete Anna ihm. „Was machen wir jetzt daraus?“ Fragte Mert
„Ich würde sagen wir nehmen uns den Kerl nochmal vor und versuchen mehr über diesen Elias herauszufinden. Er wird ihn ja wohl auch gekannt haben.“ Ihr Tonfall hatte jetzt etwas Bestimmendes an sich.
„Wenn der jetzt nicht doch auf seinem Kurzurlaub auf Mallorca oder sonst wo ist.“ Ergänzte sie.
„Kurzurlaub am Strand mit was Flüssigem im Glas…das käme mir jetzt auch grade recht.“ Seufzte Mert
„Mir doch auch.“ Zwinkerte Anna. „Erst recht, wenn hier in Dortmund so ein Wahnsinniger herumläuft und es jetzt ständig stürmt und regnet.“
Zehn Minuten später saßen sie wieder im Auto und fuhren Richtung Universität. Der gesuchte Student wohnte dort im nahegelegenen Studentendorf in einer WG.
Als Anna und Mert dort eintrafen, war aus einem der Wohnhäuser laute Musik zuhören. Anna kramte aus ihrer Tasche ihr Notizheft hervor, in dem sie wichtige Informationen zu Fällen vermerkte und sagte dann:
„Wir suchen nach Frederick Markhoff. Habs mir grad noch schnell aufgeschrieben bevor wir los sind.“
„Ok, und die Hausnummer?“ Mert nahm einen Tiefen Zug von seiner Zigarette, die er sich direkt nach dem Aussteigen angezündet hatte.
„Nummer 8.“ Antwortete Anna ihm und sah sich um. „Da drüben glaub ich.“ Sing ging in die Richtung in die sie zuvor gezeigt hatte.
„Warte warte.“ Rief Mert ihr hinterher und begann zu husten.
„Ehrlich mal, wie viel Zeit wir manchmal vergeuden, weil du noch zu Ende rauchen musst. Du kannst auch hier warten und ich geh alleine rein.“
„Schon gut, habs ja jetzt. Also welche Klingel? Fragte Mert.
„Hmm diese hier.“ Anna deutete mit dem Zeigefinger auf die oberste Klingel auf deren Schild vier Namen standen als letztes F. Markhoff.
Anna drückte den Knopf. Sie warteten gefühlt eine Ewigkeit. Nichts geschah.
„Sind wir zu früh für diese jungen Leute?“ Mert schnaubte abfällig.
Anna drückte erneut die Klingel. Dann hörten sie ein Surren. Anna lehnte sich gegen die Tür und diese gab nach und öffnete sich nun nach innen.
Sie betraten das Treppenhaus. Von oben hörten sie nun ein: „Hallo?“
Mert ging zuerst die Treppe hinauf. Anna folgte ihm mit schnellen Schritten. In der zweiten Etage stand jemand in einer geöffneten Tür.
Es war ein junger Mann, blaß mit braunen langen Haaren, die ihm wild in allen Richtungen vom Kopf hingen. Als Anna und Mert nun vor der Tür standen schaute er sie müde aus dunklen blutunterlaufenen Augen an.
Dann gähnte er und fragte sie: „Wer sind n sie? Wollen sie mir was verkaufen?“
Mert schnaubte erneut abfällig: „Das was man dir verkaufen könnte, haben wir nicht dabei. Riecht aber ganz gut hier.“ Er atmete tief durch die Nase ein.
Die Augen des Studenten sprangen auf. Er schlug ihnen die Tür direkt vor der Nase zu.
„Toll Mert. Das ist genau, was ich letztens mit Empathie meinte.“
„Entschuldigung, aber sehe ich etwa aus wie ein windiger Türverkäufer? Außerdem könnte ich dem bestimmt noch wirklich besseres Zeug besorgen. Aber egal. Dann probier dus jetzt halt.“
Anna klopfte an die Tür. „Öffnen sie bitte! Es geht nicht um sie oder was auch immer sie in ihrer Wohnung machen. Wir suchen ihren Mitbewohner. Frederick.“
Von hinter der Tür hörten sie nun die gedämpfte Stimme des Studenten: „Wer sind sie denn? Und was wollen sie von ihm?“
„Es geht um ihre ermordete Kommilitonin Lara. Wir sind von der KriPo und haben noch ein paar Fragen an Frederick. Er hat Lara laut eigener Aussage sehr gut gekannt.“
Die Tür öffnete sich nun wieder einen Spalt breit.
„Er ist nicht hier.“ Der Student seufzte.
„Hat ihn total fertig gemacht die Sache. Er hat nur n paar Sachen zusammengepackt und gemeint er fährt zu seinen Eltern. Das war gestern. Hab seitdem auch nix mehr gehört.“
„Vielen Dank das wars auch schon.“ Anna lächelte freundlich. Als sie sich umdrehte, fiel ihr noch etwas ein.
„Ach war Frederick eigentlich vorgestern gegen dreiundzwanzig Uhr hier? Und haben sie zufällig mitbekommen, ob er telefoniert hat?“
Der Student schaute sie überrascht an.
„Jo er war hier und hat auch telefoniert. Mit nem Lieferdienst. Wir haben Pizza bestellt und na ja…“ Er atmete tief durch die Nase ein.
„Hab übrigens gehört sie könnten was gutes besorgen?“ Er richtete die Frage an Mert.
„Vergiss es Bursche. Weißt du manchmal ist weniger mehr im Leben. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.“
Die Tür knallte erneut vor ihren Nasen zu.
„Dann lass uns mal rausfinden, wo die Markhoffs wohnen.“ Sagte Anna.
Sie saßen wieder im Wagen und fuhren nun weiter in den Dortmunder Süden.
In einer Straße mit lauter Einfamilienhäusern und begrünten Vorgärten parkten sie.
Anna stieg diesmal als Erste aus und lief zu einem Haus mit weißer Fassade. Im Vorgarten war im Vergleich zu den meisten anderen Häusern bereits kein heruntergefallenes Laub mehr zu sehen.
Sehr sauber, dachte Anna.
Mert kam ihr hinterhergelaufen und wollte sich gerade darüber auslassen, dass er jetzt erstmal Zeit für eine Zigarette bräuchte, da betätigte Anna schon den Knopf der Klingel.
Ihnen öffnete eine blonde Frau ca. Ende Vierzig die Tür.
Sie erschrak als Anna und Mert ihr ihre Dienstausweise hinhielten.
„Polizei?“ Atmete sie schwer.
„Sind sie Frau Markhoff? Es geht um ihren Sohn.“ Sagte Anna frei heraus. Auch diesmal hatte sie nicht die Geduld lange herumzureden.
„Frederick? Was ist mit ihm? Hat er was gemacht? Kann nicht sein.“ Sie keuchte jetzt und wurde fast hysterisch.
„Nein, nein, schon gut es ist nichts, aber wir haben doch noch ein paar Fragen. Schließlich kannte er die Tote. Er hat doch mit ihr zusammen studiert.“ Anna versuchte zu beschwichtigen.
„Oh, ja, ja natürlich das stimmt. Daran hab ich nicht sofort gedacht.“
Sie beruhigte sich langsam.
„Kommen sie doch rein. Möchten sie ein Glas Wasser? Also ich brauch jetzt was zu trinken.“
Sie gingen durch den Flur, der mit dunkelrotem Teppich ausgelegt war, vorbei an einem großen ovalen Spiegel mit goldenen Ornamenten an der Seite, hinein in das Wohnzimmer. Dort stand an der einen Seite des Raumes ein massiver, dunkler, schwerer Holztisch. Er war leer. Nicht mal eine Decke lag darauf. An der anderen Seite stand ein großes weißes Ledersofa und davor ein runder Glastisch auf den Blumen standen und eine Fernsehzeitung und eine Fernbedienung lagen.
Anna und Mert blieben stehen, während die Frau sich ein großes Glas nahm und eine durchsichtige Flüssigkeit einschenkte, die zwar nach Wasser aussah, aber keineswegs roch.
„Jetzt setzen sie sich doch. Ich hole Frederick.“ Sie verschwand und Anna hörte, wie sie die Treppe hinauf ging.
Anna nahm sich einen der Stühle, die am Holztisch standen. Mert tat es ihr gleich. Sie schwiegen und sahen sich etwas peinlich berührt an.
Dann kam die Frau mit Frederick zurück.
Der der hagere blonde Mann stand vor ihnen und sah genervt aus.
„Was gibt’s denn noch? Ich dachte es wäre alles geklärt? Ich muss in einer halben Stunde zum Flughafen. Ich fliege meinen Freunden hinterher. Unser Kurzurlaub.“
Anna schaute ihn überrascht an.
„Sie fliegen keine zwei Tage nachdem eine enge Freundin von ihnen ermordet, wurde trotzdem in den gemeinsam geplanten Urlaub? Pardon ich sagte Freundin, aber eigentlich war das doch sogar das Mädchen, in das du verliebt warst oder nicht?“
„Stimmt das Frederick?“ Fragte seine Mutter aus dem Hintergrund.
Frederick bedeutete ihr zu schweigen.
„Und? Was soll da ungewöhnlich sein? Denken sie ich halte es jetzt gerade gut in Dortmund aus?
Ich will jetzt erst recht weg von hier.“ Er hatte wieder den Anflug von Tränen in den Augen und ließ sich auf das weiße Sofa fallen.
„Vielleicht haben sie recht. Aber wir haben auch noch etwas anderes Erfahren.“ Antwortete Anna ihm.
„Sie steckten bei ihr zwar in der Friendzone, aber sie hatte einen Freund richtig?“ Anna durchbohrte ihn jetzt mit ihren Blicken.
„Ein anderer Kommilitone ja. Seltsamer Kerl. Zu unserer Gruppe hat der jedenfalls nie gepasst. Aber sie war von seiner Kunst beeindruckt. Krankes Zeug eigentlich. Er malte Menschen und Körperteile Ich meine abgetrennten Körperteile und sogar Organe. Alles sehr realistisch. Zu realistisch vielleicht schon. Aber sie fand das irgendwie bewundernswert.“ Er schüttelte den Kopf.
„Sie mochten ihn nicht.“ Schloss Anna.
„Ach, ich fand ihn halt seltsam und seine Art von Kunst… na ja, nicht mein Stil und meine Vorstellung von Ästhetik. Ich wusste nicht, was sie daran findet. Das ist alles.“
„Wissen sie, wo wir Elias finden können?“ Fragte Mert ihn jetzt.
„Er kommt eigentlich aus Essen.“ Sagte Frederick.
„Sein Nachname ist Maiwald oder sowas. Und er erzählte mal, dass sein Vater Chirurg ist. Vielleicht findet er Organe deshalb so geil.“ Schloss er abfällig.
„Gut danke Frederick. Ich hoffe du kannst den Kopf etwas frei kriegen. Aber halte dich bitte bereit, falls wir noch mehr Fragen haben.“ Anna stand auf.
„Jetzt hätte ich auch gerne ein Glas Wasser.“ Sagte sie dabei.
„Ähm aber richtiges Wasser bitte.“ Ergänzte sie verschmitzt.
Mert kicherte: „ich würd ja auch was von der anderen Flasche nehmen, aber erstens sind wir noch im Dienst und ich schätze wir fahren jetzt direkt weiter.
Fredericks Mutter errötete.
Sie saßen wieder im Auto.
Es regnete und die nasse Fahrbahn und die entgegenkommenden Autos mit ihren Lichtern vermittelten Anna den Eindruck sich selbst mitten in einem surrealen Kunstwerk zu befinden.
„Und was denkst du?“ Durchbrach Mert die Stille.
„Er hat doch etwas verdächtiges an sich.“ Antwortete sie ihm.
„Ich meine wir haben jetzt wirklich eine sehr offensichtliche Spur, aber was, wenn das zu offensichtlich ist?“ Dachte sie laut nach.
„Du meinst jemand lenkt gezielt die rote Linie unserer Ermittlungen?“ Mert tippte mit seinen Fingern auf dem Lenkrad.
„Könnte doch sein. Es soll alles nach Elias aussehen. Und wenn er es nicht ist?“ Sie schaute während der Fahrt wieder aus dem Seitenfenster.
„Schön gehen wir davon aus jemand benutzt Elias Eigenarten als Tarnung für sich selbst. Wer soll es dann sein?“ Fragte Mert
„Vielleicht lagen wir…, nein ich von Anfang an falsch. Vielleicht ist es Frederick. Ich gehe davon aus, dass unser Täter jemand ist, der mit Emotionen spielt und sehr gut manipulieren kann. Das Motiv wäre auch klar. Eifersucht auf Elias. Das Einzige, was mich an dieser Theorie stört, sind die anderen Morde.“ Sie stoppte.
„Und dass er ein Alibi hat. Hast du vorhin sogar selbst überprüft.“ Unterbrach Mert sie.
„Ja, wie auch immer unsere rote Linie verläuft nicht mehr gerade und bevor wir nicht auch noch mit Elias gesprochen haben, sollten wir es mit unseren Vermutungen hierbei belassen.“
„Jap.“ Erwiderte Mert nur. Dann schlug er plötzlich mit der Hand auf das Lenkrad.
„Geht’s hier mal voran! Verdammter Feierabendverkehr. Jetzt schon? Um die Zeit?“
Kapitel – 6. Antworten
Anna zog sich die Latexhandschuhe aus und warf sie in den dafür vorgesehenen Behälter. Während die Männer den Raum verließen, blieb sie einen Moment zurück, betrachtete noch einmal den blassen Körper auf dem Tisch und merkte, wie sich die Kälte des sterilen Raumes unter ihre Haut schob. Sie atmete tief ein, als wolle sie den Geruch von Desinfektionsmittel und Tod aus ihrer Lunge verdrängen. Dann ging sie hinaus.
Der Flur des Instituts war schmal, steril beleuchtet, und ihre Schritte hallten. Sie merkte, dass ihr Herz ein wenig schneller schlug, nicht aus Angst, sondern wegen der Entscheidung, die sie so selbstverständlich ausgesprochen hatte. Sich Undercover in die Obdachlosenszene zu mischen war gefährlich. Unberechenbar. Aber es war zugleich die einzige Art, an den Täter heranzukommen, das wusste sie.
Und irgendetwas an diesem Fall stimmte nicht, das spürte sie tief in ihrem Inneren. Der brutale Overkill, die Wut, die Zielstrebigkeit. Ein zufälliger Angriff? Nein. Dafür wirkte die Tat zu persönlich.
Als sie die Tür zur Einsatzbesprechung öffnete, warteten Jansen und der dritte Ermittler bereits auf sie. Ein Stapel Unterlagen lag auf dem Tisch, daneben eine braune Tüte mit Kleidungsstücken.
„Das da drin ist ihre neue Garderobe,“ sagte Jansen und schob die Tüte zu ihr. „Second Hand, ein bisschen dreckig gemacht. Sollte passen.“
Anna öffnete den Beutel, zog eine ausgewaschene Jeans hervor, eine graue, zerschlissene Jacke und abgetragene Schuhe.
„Charmant,“ murmelte sie.
„Darum geht’s nicht,“ erwiderte Jansen knapp. „Sie wollten Undercover, hier haben Sie’s. Außerdem…“ Er verzog das Gesicht. „Den Geruch habe ich schon wegsprühen lassen, aber ganz kriegt man ihn nicht raus.“
Der dritte Ermittler grinste verhalten. „Wir haben außerdem etwas Make-up organisiert, um sie…“ Er suchte nach einem Wort.
„Abgerockter aussehen zu lassen?“ half Anna trocken nach.
„Genau.“
Bernsdorf stieß nun ebenfalls dazu, einen dampfenden Kaffee in der Hand.
„Frau Slotkova, Sie werden heute Abend starten. Keine Aktion, nur beobachten. Leute ansprechen, wenn es sich ergibt. Sie sind neugierig, neu in der Szene, haben Pech gehabt im Leben. Nicht zu viel erzählen. Ihre Tarnidentität finden Sie in der Mappe.“
Anna schlug sie auf. Neuer Name. Kurze Hintergrundgeschichte. Keine Familie. Kein fester Schlafplatz.
„Ich will alle fünf Stunden ein Lebenszeichen,“ sagte Bernsdorf, und sein Tonfall ließ keinen Widerspruch zu. „Notfalls nur ein ‚Alles okay‘ per Funk.“
„Verstanden.“
Die Männer nickten, doch Jansen blieb stehen, als die anderen bereits Richtung Tür gingen.
Er sah Anna für einen Moment schweigend an. Seine Stirn war gerunzelt, sein Blick ungewohnt ernst.
„Slotkova… machen Sie keinen Scheiß da draußen. Wenn unser Täter so wütend war, wie der Bericht vermuten lässt…“
Er brach ab und rieb sich mit der Rückseite seiner Hand über das Kinn.
„Dann ist er entweder unberechenbar, oder er wusste genau, was er tat.“
Anna hielt seinem Blick stand.
„Ich komme klar,“ sagte sie ruhig.
„Hoffen wir’s.“
Jansen verließ den Raum.
Anna blieb zurück, allein mit der Tüte in der Hand und dem Wissen, dass dieser Schritt sie näher an die Wahrheit bringen würde – und vielleicht auch näher an den Täter.
Als sie in Essen ankamen, hatte der schon Regen wieder nachgelassen.
Sie fuhren durch eine Allee auf deren sich zu ihrer rechten und linken Seite schicke Villenähnliche Häuser befanden.
Mert Parkte den Wagen unter einem großen Kastanienbaum, an dem nur noch wenige Blätter hingen.
„So wie gehen wir am besten vor?“ Fragte er Anna.
„So wie immer.“ Antwortete sie ihm. „Lass mich ruhig machen.“ Hängte sie an.
Sie öffnete die Tür und stieg aus.
„Haben wir noch ne Minute?“ Fragte Mert sie. Er war ebenfalls ausgestiegen.
Anna musste ihn nicht Fragen warum. Sie nickte nur.
Er zündete sich eine Zigarette an.
„Also du weißt schon, was du zuerst fragen wirst.“ Mert sagte es nüchtern, aber Anna wusste, dass es eine Frage war.
„Ja.“ Sagte sie knapp. „Ob er an dem Abend ihres Todes noch mit seiner Freundin telefoniert hat.“
„Sehr schlau.“ Erwiderte Mert
„Und wenn wir seine Personalien aufnehmen und seine Nummer haben, können wir das direkt überprüfen.“ Fuhr Mert fort.
„Jap, genau. Und falls dann auffällt, dass seine Nummer nicht dabei ist, können wir davon ausgehen, dass er lügt und sie wahrscheinlich mit der unbekannten Nummer angerufen hat.“ Anna klang selbstbewusst bei ihren Ausführungen.
„Und falls das alles so zutreffen sollte, werde ich ihn erneut sprechen und damit konfrontieren. Kein langes Versteckspiel.“ Sie streckte sich.
„Manchmal muss ich zugeben, dass du verdammt abgezockt bist, obwohl du nicht so wirkst.“ Entgegnete Mert ihren Ausführungen.
„Du willst ihn direkt aus der Reserve locken. Schöner Plan. Nur was, wenn ers nicht ist?“ Schloss er mit einer Frage.
„Ich denke auch dann werden wir es danach wissen.“ Anna gähnte.
„So und jetzt komm endlich. Genug rumgeschwafelt. Sie ging zu dem grauen Haus mit steinernem Vorgarten.
Mert trat seine Zigarette aus und folgte ihr.
Sie klingelten. Von drinnen war der Ton eines Glockenspiels oder Gongs dumpf zu hören.
Dann Schritte auf Fliesen.
Anna und Mert hielten wieder ihre Dienstausweise bereit.
Die Tür öffnete sich zunächst nur für einen Spalt.
„Ja bitte?“ Kam es hinter der Tür mit gestresst wirkender Stimme hervor.
„Herr Maiwald?“ Fragte Anna.
Ein Mann Ende fünfzig, drahtig, mit grauem Spitzbart und halb Glatze kam jetzt zum Vorschein.
Er trug eine randlose Brille und ein weißes Hemd, dazu eine dunkle Jeans und braune spitze Lederschuhe. Zudem hatte er tiefe Falten unter beiden Augen.
Er hatte den Kopf leicht gesenkt und schaute sie über die Oberseite seiner Brillengläser ernst an.
„Dr. Mailwald bitte. Kriminalpolizei? Was wollen sie?“ Fragte er in schneidendem Ton.
„Wir möchten ihren Sohn Elias sprechen er…“ Antwortete Anna. Doch weiter kam sie nicht.
„Ist nicht da.“ Stieß Dr. Maiwald hervor.
Anna atmete tief ein.
„Na schön, und können sie uns sagen, wo er sich befindet.“ Sie machte eine kurze Pause.
„Dr. Maiwald.“ Fügte sie dann nun selbst leicht genervt hinzu.
„Ist mit Freunden in den Urlaub geflogen.“ Antwortete Dr. Maiwald ihr knapp.
Anna und Mert sahen sich überrascht an.
„Bitte wie war das?“ Fragte Anna ihn ungläubig.
„Ja er ist mit Freunden geflogen.“ Wiederholte Dr. Maiwald.
„Obwohl man seine Freundin offensichtlich ermordet aufgefunden hat?“ Jetzt war es Mert der ungläubig fragte.
„Ach dieses Ding. Ja das hab ich gehört. Wissen sie ehrlich gesagt ist das nicht der größte Verlust. Keine Ahnung, was er an so einer finden konnte. Kein Sinn für Ästhetik und Manieren. Ich glaube sie wollte nur von ihm profitieren. Na ja, vielleicht ist es jetzt besser so.“
Anna zeigte jetzt ehrliche Bestürzung über diese Aussage.
„Aha kein Verlust, ja? Da wurde eine junge Studentin ausgeweidet. Eine junge Frau, die noch dazu mit ihrem Sohn leiert, war. Ganz egal was sie von ihr hielten, aber da ist ein Mensch brutal gestorben.“ Mert ging nun mit Zornesröte auf Maiwald zu. Dieser schreckte zurück und drückte die Tür wieder Stück zu.
„Schon gut lass es Mert“ Anna hielt ihren Partner jetzt von hinten an der Schulter.
„Aber Anna. Jetzt versteh ich wie sein Sohn sowas tun konnte. Hör dem Mann doch zu.“ Schnaubte Mert
„Sie halten scheinbar nicht viel von Frauen was?“ Mert stemmte sich mit einer Hand gegen die Tür.
„Wie mein Sohn was tun konnte?“ Fragte Maiwald nur kühl.
„Meinen sie etwa er hätte was mit dem Mord zu tun?“
„Morde“ Mert betonte das „e“ am Wortende deutlich. „Mehrzahl.“
„Lächerlich.“ Maiwald lachte jetzt.
„Nun lächerlich nicht, aber mein Kollege ist tatsächlich etwas vorschnell. Jedenfalls haben wir Fragen an Elias. Er kannte die Tote ja offensichtlich gut.“ Warf Anna ein.
„Wie schon gesagt er ist nicht hier, sondern macht Urlaub.“ Wiederholte Maiwald abermals.
„Seit letzter Woche schon.“ Ergänzte er.
Sein letzter Satz schlug ein wie eine Bombe. Eine gefühlte Ewigkeit war es still. Nur das Rauschen des Windes durch die Baumwipfel war zu hören.
In Annas Kopf rauschte es jetzt besonders stark. Dann brach es über sie herein, die Blätter vom Kastanienbaum die jetzt herab fielen schlugen krachend auf dem Asphalt der Straße auf.
„Sind sie sicher?“ Durchbrach Mert die Stille jetzt mit leiser und fast tonloser Stimme.
„Ja er hat letzte Woche spontan seine Sachen gepackt und ist losgefahren. Gab wohl ein Sonderangebot für Studenten oder sowas. Als ob wir solche Sparmaßnahmen nötig hätten.
Anna kam langsam wieder im hier und jetzt an. Offensichtlich nicht, dachte sie und schaute sich in der Straße um.
„Sie sehen, er kann gar nichts mit dem Mord, Pardon Morden zu tun haben.“ Merkte Maiwald an.
„Nein wahrscheinlich nicht.“ Sagte Anna tonlos. „Vielen Dank für ihre Auskunft.“ Sie drehte sich um und schlenderte zurück zum Wagen.
Mert nickte Maiwald mit bösem Blick zu und folgte dann Anna.
Zurück im Auto ließ Anna sich nun kraftlos in den Sitz sinken.
„Hey Kleine.“ Mert saß neben ihr.
„Was gibt’s da jetzt klein beizugeben? Wir haben doch ne neue Info. Und zwar das Elias es nicht definitiv nicht gewesen sein kann.“
„Das stimmt nicht ganz.“ Antwortete Anna und schaute ihn wieder durchdringend an.
„Wieso erzählt er seinem Vater vor einer Woche, dass er in den Urlaub fliegt? Wieso fliegen die Freunde von der Kunstakademie erst diese Woche? Und Wie passt das zusammen, dass Elias mit Freunden fliegen wollte, obwohl er doch offensichtlich nie irgendwo richtig Anschluss findet? Noch dazu die Unbekannte Nummer die vielleicht doch jemandem aus diesem Freundeskreis gehört.“
Anna führte ihre Handflächen nun vor ihrer Brust hoch und runter wie, um zu meditieren.
„Statt Antworten haben wir jetzt erst richtig viele Fragen Mert“ Sagte sie
Mert sah sie an.
„Eigentlich fürs Erste nur eine. Wo ist Elias jetzt?“
Im Park roch es nach feuchter Erde und hier und da hing auch der Geruch von Zigarettenrauch in der Luft. Die Laternen warfen gelbliche Inseln aus Licht auf die Wege, wenn sie überhaupt leuchteten, dazwischen lagen breite Zonen aus Dunkelheit, in denen sich Silhouetten verloren. Es war kurz nach einundzwanzig Uhr, der Zeitpunkt, an dem der Park sich veränderte von außen schien es ruhiger, dafür wurde es umso lebendiger für jene, die keinen anderen Ort hatten.
Anna zog die Kapuze ihrer viel zu dünnen Jacke etwas tiefer ins Gesicht und bewegte sich langsam über den Kiesweg. Jeder Schritt schob kleine Steine über den Boden, ein Geräusch, das sie viel lauter empfand, als es war. Ihre Kleidung roch nach abgestandenem Rauch und nassem Stoff, ein Geruch, den sie bewusst zugelassen hatte.
Der Park war nicht leer.
Auf einer der Bänke saßen zwei Gestalten, in Decken gehüllt, die kaum als solche zu erkennen waren. Weiter hinten, unter einer überhängenden Buche, stand eine Gruppe von drei Männern und rauchte. Gelächter, aber kein fröhliches; ein hartes, heiseres, das irgendwo zwischen Aggression und Resignation hing.
Anna blieb im Schatten einer Laterne stehen und sah sich um, als wäre sie selbst unsicher, ob sie hier richtig war. Nicht zu vorsichtig. Nicht zu selbstbewusst. Suchend. Neu.
Eine Frau mittleren Alters, mit filzigem Haar und einem viel zu großen Mantel, kam aus dem Dunkel der Büsche. Sie zog einen Einkaufswagen hinter sich her, dessen Räder quietschten.
Die Frau musterte Anna von oben bis unten.
„Du bist neu hier.“
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Anna nickte kaum merklich. „Hab’ keinen besseren Platz zum Schlafen gefunden.“
Die Frau schnaubte. „Das behaupten viele. Bleib von den Jungs da hinten fern.“ Sie deutete mit dem Kopf zu der dreiköpfigen Gruppe. „Die testen gern, wie viel ein Neuling aushält.“
„Danke für den Hinweis.“
„Nenn mich Moni.“
Anna zögerte, dann murmelte sie ihren Decknamen: „Nina.“
Moni zog eine halbleere Flasche aus ihrem Wagen, nahm einen Schluck und wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. „Eddie hat hier immer aufgepasst. Seit er weg ist… na ja. Die Stimmung ist nicht besser geworden.“
„Was ist mit ihm passiert?“ fragte Anna bewusst beiläufig, als würde sie die Antwort nur halb erwarten.
Moni lachte bitter. „Was wohl? Einer hat ihn erwischt. Einer mit ’nem scheiß Zorn im Bauch. Haben gesagt, es wär’ nur einer von uns gewesen. Jemand Betrunkenes, jemand Durchgeknalltes.“ Sie kam näher, ihre Stimme wurde leiser. „Aber du solltest wissen… Eddie hat keinen Streit gehabt. Keinen Feind. Derjenige, der das getan hat… der wollte was bei ihm. Hat ihn regelrecht zerlegt.“
Ein kalter Stich wanderte Annas Wirbelsäule hinauf.
„Hast du was gesehen?“
„Ich sehe viel. Ich sage wenig.“ Moni blinzelte. „Aber ich weiß, dass er kurz vor seinem Tod mit jemandem geredet hat. Jemandem, den ich nicht kannte. Jemand… gepflegteren.“
„Gepflegt? Hier?“
„Jap. Gehört hier nicht zu uns.“ Sie deutete auf Annas Kleidung. „So wie du. Nur… anders. Sein Mantel war sauber. Schuhe auch. Hat sich nicht hingesetzt, ist nur rumgestanden. Und Eddie hat ihm was gezeigt.“
„Was?“
Moni zuckte die Schultern. „Habe nur die Silhouette gesehen.“
Ein Schrei gellte durch den Park. Nicht laut, eher gedämpft, kurz, wie ein unterdrückter Ruf, der sofort im Wind erstickte.
Die Männer unter der Buche erstarrten für einen Moment. Dann taten sie so, als hätten sie nichts gehört.
Moni wirkte plötzlich jünger, verletzlicher. „Pass auf dich auf, Nina. Hier geht was um. Etwas, das… nicht nur auf der Straße lebt.“
Bevor Anna reagieren konnte, rollte ein alter Einkaufswagen quietschend über den Kies. Jemand rannte. Schritte. Schwer, hastig.
Anna drehte sich um, sie sah nur eine flüchtige Bewegung im Schatten der Bäume, wie ein Umriss, der sich viel zu schnell entfernte.
Moni fluchte leise.
„Siehst du? Niemand rennt hier. Nicht ohne Grund.“
Anna war hellwach.
Ihr Funkgerät vibrierte kurz am Gürtel, das vereinbarte Zeichen der Kollegen, die in der Nähe bereitstanden. Sie ignorierte es. Sie konnte jetzt nicht gehen.
Nicht, wenn der Täter vielleicht gerade hier war. Nicht, wenn Eddie tatsächlich jemanden getroffen hatte, der nicht in diese Welt passte.
Der Wind verstummte.
Und der Park hielt den Atem an.






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