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Der Herzen Sammler Kapitel 7-8

  • simongra
  • 7. Dez. 2025
  • 9 Min. Lesezeit

Kapitel 7 – Ritual

Er saß da allein in der Nacht, irgendwo an einem längst verlassenen Ort. Moos und andere Gräser wuchsen längst über die alten unverputzten Backsteinwände des Hauses. Draußen prasselte der Regen auf das löchrige Dach. Es klang als würden tausende von Käfern wie tot vom Himmel fallen und ihre Panzer auf den Dachziegeln knacken.

Niemand würde jemals hierherkommen, dass wusste er. Es gab keinen Grund, warum jemand anderes dieses alte, verfallene Gebäude in einem abgelegenen Sperrbezirk betreten sollte. Und das war zugleich der einzige Grund für ihn diesen Ort zu benutzen.

Für das was er sich vorstellte und tat brauchte er einen Ort nur für sich allein. Ungesehen von allen anderen. Ein intimer Raum, in dem er sich wirklich seiner vollkommenen Obsession hingeben konnte.

Er saß auf einem völlig verschlissenen roten Sessel. Vor ihm stand eine Art Holztisch aus einer alten Palette und an der Wand gegenüber von ihm stand ein etwas rostiger, metallener Tresor.

Auf dem Palettentisch stand eine Lampe, deren Licht flackerte und seinen Schatten auf den bemoosten, Gras überwachsenen Boden warf.

Er war heute Nacht nicht zum ersten Mal hergekommen. Damals hatte er das Gebäude zusammen mit einem Freund entdeckt, der ein Fabel dafür hatte sogenannte Lost Places zu fotografieren. Sie waren zufällig darauf gestoßen und hatten den Tag dort verbracht. Fotos gemacht, sie betrachtet und analysiert. Sie malten sich gemeinsam Geschichten aus, die dieser Ort früher erlebt haben könnte, während sie ein Bier nach dem anderen runter kippten bis die abendliche Sonne den Ort in ein goldenes, sommerliches Dämmerlicht tauchte.

Er stand auf, ging zu dem Tresor und entsicherte dessen Tür. In der Metallbox befanden sich eine kleine Gartenschaufel und Utensilien zum Präparieren von organischen Dingen. An einem Haken an der Tresortür hing ein Schlüsselbund mit kleinen Schlüsseln, wie für Schlösser, die man an einer Kellertür oder einer Gartenlaube befestigen würde.

Er nahm die Schaufel und die Schlüssel und drehte sich um. Den Tresor ließ er offenstehen.

Er hatte heute Nacht etwas vor. Etwas, das er schon öfter getan hatte. Es war nichts, das ihm allzu vertraut war. Er hatte erst vor kurzer Zeit entdeckt, welche Möglichkeiten ihm offenstanden und, dass er diese ausleben wollte.

Er ging auf die Seite rechts vom Tresor und begann mit der kleinen Gartenschaufel zu graben.

Nach einiger Zeit und ein paar Häufchen Erde, kam die Oberseite einer silberfarbenen Metallschachtel zum Vorschein.

„Es ist eigentlich schon zu spät. Ich hätte direkt damit anfangen müssen, aber ich will mal sehen, was ich noch retten kann.“ Sagte er zu sich selbst.

Er nahm nun einen der kleinen Schlüssel von dem Schlüsselbund aus dem Tresor und öffnete damit die silberne Schachtel.

Darin lag in sterilen Tüchern eingewickelt ein menschliches Herz.

Er kniff sich selbst in die Nase und hielt sie sich zu. Der Geruch von verwesendem Fleisch stieg ihm entgegen.

„Scheiße.“ Stieß er hervor.

Es war wie er gedacht hatte. Eigentlich war es für sein Vorhaben schon zu spät, aber er machte sich dennoch an sein Werk.

Als er fertig war, legte er das Herz wieder in die Schachtel. Er starrte eine Weile darauf.

„Welche Schönheit. Und jetzt auch unvergänglich.“ Sagte er fast liebevoll, während er weiter sein Werk betrachtete,

„Auch wenn nichts mehr vom Rest von dir übrig bleibt in dieser Welt, dein Herz wird jetzt überdauern. Und jetzt gehört es mir für immer. Allein.“ Er atmete tief und zufrieden ein und schloss dabei seine Augen. Dabei kam ihm noch einmal der zerstörerische Akt in den Sinn. Er hatte erst ein Leben auslöschen müssen, um es unsterblich zu machen und endgültig an sich zu binden.

Es hatte zuerst kein Blut gegeben, nur Luft und das Gieren danach, das mit jeder Sekunde abnahm. Dann die Stille. Stille, die er brauchte, um seine Tat so präzise und ohne zu viel Blut am Tatort zu hinterlassen brauchte.

Er öffnete seine Augen, stand auf und nahm er die Schachtel mit dem präparierten Herz darin mit und legte sie auf den Holztisch neben die flackernde Lampe.

Dann setzte er sich selbst wieder in den roten Sessel und begann langsam seine Hose zu öffnen und ein Stück herunterzuziehen.

Das überwältigende Gefühl von Macht überkam ihn, ließ ihn hart werden und berauschte ihn. Er beugte sich vor, nahm das Herz aus der Schachtel und führte es zu seinem Schritt. Dann begann er rhythmisch damit über sein entblößtes Glied zu reiben. Als es vorbei war, führte er das Herz zu seiner Brust, als wollte er es umarmen. Anschließend legte er es zurück in die Schachtel auf dem Tisch.

„Nichts ist machtvoller als vollkommener Besitz. Und nichts ist geiler als vollkommene Macht über das Herz.“

Er nahm eine Flasche aus dem Rucksack, die er neben den Sessel gestellt hatte. Es war Rotwein. Für solche Abende brauchte er etwas Besonderes, kein Bier.

Er trank einen Schluck direkt aus der Flasche und lehnte sich zufrieden zurück.

Nachdem er die Flasche gelehrt hatte, stand er auf, zog sich seine Hose wieder richtig an und nahm die Schachtel vom Tisch. Er ging zurück zu der kleinen Grube, aus der er sie ausgegraben hatte und legte sie wieder hinein. Dann schüttete er das Loch wieder mit Erde zu.

„Jetzt darfst du neben den anderen schlafen Süße.“ Sagte er mit Blick auf die Stelle, an der er das Herz vergraben hatte. Er lächelte zufrieden. Danach drehte er sich um und ging zu dem Tresor. Er legte die Schaufel und die anderen Werkzeuge zurück und hängte den Schlüsselbund wieder an den Haken.

Dann schloss er den Tresor, löschte das Licht auf dem Tisch und verließ den Ort mit der Gewissheit, dass er schon bald zurückkommen würde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kapitel 8 – Vermischen

An einem anderen Ort von Dortmund, im Kreuzviertel, saß Anna allein in ihrer Wohnung.

Es war Nacht, doch noch immer konnte sie keinen Schlaf finden.

Milo stupste sie immer wieder mit seinem Köpfchen an, als wollte er sie fragen: hey was ist denn los Lieblingsmensch?

Sie versank wieder in ihren Gedanken.

Elias, Frederick, Urlaub. Sie wusste, dass sie, wenn sie diesen Fall nicht bald abschließen könnte, noch in ein Koma fallen würde.

Sie nahm nun den kleinen Laserpointer, der unter einem der Kissen auf der Couch lag und jagte Milo damit durch ihre Wohnung. Dann stand sie auf, ging wieder in die Küche und holte aus einem der weißen Schränke eine Packung mit Leckerlis, um Milo zu belohnen.

Na, wenigstens kannst du gleich bestimmt gut schlafen dachte sie, während sie ihm die Hand mit den Leckerlis darauf hinhielt. Milo schnurrte und kaute dann gierig, bis ihre Hand vollkommen leer war. Milo schaute sie erwartungsvoll an und maunzte dann lang und gedehnt.

Sie saß immer noch in der Hocke und schaute ihn zurück an.

„Sorry Großer, das waren tatsächlich die letzten erstmal. Selbst wenn ich wollte, könnte ich dir gerade keine mehr geben. Ich muss morgen beim Einkaufen wieder welche mitbringen.“ Sagte sie dann und erhob sich langsam, um Milo nicht zu erschrecken. Sie ging zurück in das Wohnzimmer und setzte sich jetzt an ihren Schreibtisch. Milo folgte ihr, blieb dann unter ihrem Stuhl stehen.

Sie gähnte lang und streckte sich. Dann schlug sie ihre Mappe mit der Geschichte von Firrock auf einer leeren Seite auf, nahm einen Stift und begann eine Überschrift zu verfassen:

- Von der Blutbaum Fede und dem gestohlenen Titel –

schrieb sie oben auf die Seite.

„Vielleicht ist es Zeit dieses düstere Kapitel von Firrocks Familiengeschichte weiter auszuschmücken. Irgendwie ist mir so danach.“ Sagte sie laut zu sich selbst.

„Das wird schließlich auch eine Geschichte voller Blut und Täuschung.“

Sie fuhr mit dem Schreiben fort:

- Als nun die Kunde von Alarics Tod die Burg erreichte schrie die Burgherrin hysterisch, dass ihr Sohn schnell verschwinden müsse. Sie kannte ihren Schwager und Onkel ihres Sohnes und wusste, dass dieser sich nie richtig mit seiner Rolle als Zweitgeborener abfinden konnte. Und nun würde er eine Gelegenheit erhalten die Macht an sich zu reißen.

Ihr Sohn war noch ein Jüngling und noch längst kein Abbild seines Vaters, also versuchte sie ihn zu schützen. Doch er wollte die Burg nicht verlassen. Jugendlicher Leichtsinn überkam ihn und falscher Mut.

„Ich werde beweisen, dass ich meines Vaters Titel würdig bin.“ Sagte er zu seiner Mutter, die ihn nun anflehte zu gehen. –

Anna hielt inne. Ein guter Auftakt dachte sie. Dann nahm sie ihr Handy hervor und tippte:

Was bedeutet die Überschrift: Von der Blutbaum Fede und dem gestohlenen Titel, auf lateinisch?

„- De Fide Arboris Cruentæ et Titulo Ablato – Also.“

Sie schrieb es unter die erste Überschrift, wo sie extra eine Zeile frei gelassen hatte.

Nun Sohn, du solltest tatsächlich besser nicht gehen. Dachte sie. Ich habe für dich leider kein gutes Ende, aber auch in Firrock müssen manchmal schlimme Dinge passieren, damit man die guten mehr zu schätzen weiß.

Sie schrieb weiter.

- Nun war er angekommen auf der einsamen Lichtung und schaute sich um. „Toric. Bist du hier?“ Rief er jetzt. Toric war seines Vaters treuester Gefährte und wollte ihn hier auf der Lichtung treffen und zum Lager der Armee bringen.

„Das war er.“ Kam es von hinten. Es war sein Onkel Cedric. Er stand da, die Arme hinter dem Rücken und grinste verstohlen.

„Onkel.“ Sagte er erstaunt. „Ich bin jetzt dein Herr, du hast mir zu folgen.“

„Natürlich bist du das.“ Antwortete Cedric. „Ich werde immer hinter dir stehen.“ –

Anna legte den Stift ab. Langsam fielen ihr nun doch die Augen zu. Sie ließ das Heft offen liegen und ging in Schlafzimmer, wo Milo bereits eingekugelt neben dem Kopfkissen auf ihrem Bett lag. Sie ließ sich jetzt auch nur noch darauf fallen ohne sich vorher noch umzuziehen. Ihre Träume waren skurril. Alles darin geschah unter rötlichem dämmerartigem Licht.

Sie sah Mert in einer glänzenden Rüstung, der auf einem Schlachtfeld von Pfeilen durchbohrt wurde. Dann Fredericks Mutter, die ihn anflehte zu fliegen und schließlich eine unbekannte Gestalt auf einer Lichtung, die hinter Frederick stand. Sie wusste, dass diese schwarze und verzerrte Silhouette nur Elias sein konnte. Danach wurde es nur noch rot und sie hörte Frauen Stimmen lachen.

Anna erwachte mit höllischen Kopfschmerzen. Am liebsten würde sie einfach liegen bleiben, doch es galt einen Serienmörder zu jagen, der ganz bestimmt wieder zuschlagen würde.

Er kann schließlich nicht anders. Dachte sie. Milo stand über ihr und leckte nun über ihre Nase.

„Also bitte. Erstens bin ich noch nicht tot, zweitens schmecke ich ja wohl scheußlich und drittens sind nur die Extras ausgegangen, dein normales Futter kriegst du jetzt.“

Eine halbe Stunde später stand sie wieder vor dem Kaffeeautomaten auf dem Flur im Polizeipräsidium. Ihre Haare saßen diesmal nicht so ordentlich wie gewöhnlich.

Von hinten kam ein „guten Morgen Anna.“

Es war Mert Anna drehte sich um. Er sah aus, als habe er die Nacht wach gelegen mit noch tieferen Falten unter seinen Augen als sonst.

„Uiuiui.“ Machte er. Er tippte Anna an die die Stirn.

„Du siehst blass aus. Meinst du Kaffee bringt noch was, oder soll ich dich lieber direkt in die Pathologie bringen?“ Fragte Mert scherzhaft.

Anna lächelte nicht.

„Keine Witze heute Mert Ich habe schon drei Ibus und noch ein extra Mittel gegen Migräne weg. Ich fühl mich tatsächlich etwas sediert weißt du.“

„Kannste immer noch nicht schlafen? Na ja, konnte ich diese Nacht auch nicht. Bin ein bisschen rumgefahren und war nochmal an allen Tatorten. Manchmal kommen gewisse Personen an solche Orte zurück.“ Mert grinste wieder verstohlen.

„Und ist außer dir noch jemand dorthin zurückgekommen.“ Fragte Anna ihn unbeeindruckt.

„Leider nicht.“ Antwortete er.

„Aber ich hab nochmal nachgedacht.“ Seine Stimme wurde jetzt ernster.

Anna nahm einen großen Schluck aus ihrem Kaffeebecher und fragte dann:

„Worüber?“

„Na du hast doch in dem Heft vom Tatort eine Schrift gefunden richtig?“ Fragte Mert sie, ohne ihre Antwort abzuwarten.

„Können wir nicht das Schriftbild, mit dem von Frederick und Elias vergleichen? Ich wird gleich nochmal zu dieser Kunstakademie fahren und schauen, ob es irgendwelche Aufsätze oder sonst irgendetwas geschriebenes gibt. Du wartest so lange hier und erkundigst dich, ob Fredericks Mutter zuhause ist und ob sie Schriftstücke von ihrem Sohn hat.“

Anna hatte aufmerksam zugehört. Ihre Kopfschmerzen ebbten tatsächlich langsam ab. Ihr Ermittler Ehrgeiz war wieder erwacht. „So machen wir es.“ Antwortete sie Mert

Anna stand von der Parkbank auf und lief in die Richtung, aus der der Schrei kam. Niemand schien sie weiter zu beachten.

Der Boden unter ihren Schuhen war weich und matschig vom Regen der letzten Tage. Zwischen den Bäumen waberte dichter Nebel, wie ein Schleier, der einem die Sicht nahm. Es war kaum auszumachen, ob etwas aus fünf oder aus fünfzig Metern Entfernung kam.

Dann hörte sie es erneut.

Kein Schrei diesmal.

Ein ersticktes Keuchen.

Eine Person, die offensichtlich nach Luft rang.

Sie ging weiter in die Richtung, aus der das Röcheln zu kommen schien.

„Hallo?“ Rief sie und bekam keine Antwort. Sie tastete sich weiter durch das Gebüsch und stieß plötzlich mit ihren Füßen gegen etwas festes am Boden.

Sie beugte sich hinunter und stellte fest, dass es ein Mensch war.

Sein Oberkörper schien feucht zu sein, sie hatte vom Abtasten jetzt etwas flüssiges an ihren Händen. Doch in der Schwärze konnte sie nicht erkennen was es war.

Sie tastete den Mann weiter ab und fühlte plötzlich etwas wie einen Griff, der aus der Brust des Mannes herausragte.

„H..hil…fe…“ Keuchte der Mann hervor.

„Oh mein Gott!“ Schrie Anna. Niemand im Park reagierte oder kam nachsehen, wer geschrien hatte.

Sie nahm das Funkgerät: „scheiße Leute ihr müsst mir sofort einen Krankenwagen und Notarzt rufen. Schnell!“

„Slotkova, was ist los?“ Es war Jansen.

Merkt er eigentlich nicht, das wir keine Zeit für Fragen haben? Dachte Anna.

„Machen sie hin verdammt! Erklären kann ich später noch. Hier stirbt jemand!“

„Ok.“ Danach war das Funkgerät stumm.

„Hey, sie, bleiben sie bei mir ja. Es kommt Hilfe.“ Sagte sie zu dem Mann am Boden und stützte seinen Kopf.

„Ha..b…ihn gese…hen…“ Röchelte er Anna entgegen und spukte Blut.

„Nicht sprechen. Erstmal müssen sie von hier weg, dann können sie mir immer noch alles erzählen.“

„Nn…ein…ich schaffs nicht. Es..war..dder Kerl derr Eddie gekillt hat…“ Seine Stimme wurde zunehmend brüchiger und er spukte jetzt immer mehr Blut.

„Ok, hören sie auf zu reden ja. Verdammt wo bleiben die?!“

Dann hörte sie Sirenen und sah durch die Baumwipfel, wie blaues Licht durch den Nebel brach.

„Na endlich. Sehen sie da kommt Hilfe.“

Der Mann antwortete nicht. Sie hatte es nicht bemerkt, aber das Röcheln, das sie noch vor einer Minute gehört hatte war nicht mehr da.

Jansen kam jetzt mit einer Taschenlampe auf sie zu. An ihm vorbei rannten Sanitäter zum Gebüsch.

„Ist er da drin?“ Riefen sie Anna im vorbeigehen zu.

Sie nickte.

Jansen leuchtete sie von oben bis unten an.

„Scheiße Slotkova, sie sind voller Blut.“

Anna blickte herab auf ihre Hände. Sie waren vollkommen dunkelrot gefärbt.

 

 
 
 

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