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Der Herzen Sammler Kapitel 1-2

  • simongra
  • 17. Nov. 2025
  • 15 Min. Lesezeit

Prolog

Stille herrschte in der Halle, so tonlos, wie die dunkle Schwärze des Nichts.

Die Stille wurde nur durchbrochen von dumpfen, regelmäßigen Schlägen.

Ein Pochen, das zuvor noch Blut durch Kanäle eines menschlichen Körpers gepumpt hatte. Es waren die langsam ausklingenden Schläge eines Herzens. Die letzten Zuckungen eines Organs, dass er nun in Händen hielt.

Er kniete noch immer über ihr, berauscht von seiner Tat. Sie war so spontan und dann wieder nicht. Schon immer faszinierte ihn, was aus seiner Sicht einen Körper lebendig macht.

Er fühlte die letzten Zuckungen des Stück Fleisches in seiner Hand und sah fasziniert darauf hinab. Im Mondschein glänzte das rot des Blutes fast schwarz. In seinen Ohren dröhnte es. Er hörte nun auch seinen eigenen Herzschlag, übermächtig gegenüber jedem anderen Geräusch an diesem einsamen Ort.

Für einen Augenblick, eine Sekunde, vielleicht aber auch für eine Ewigkeit, ein Jahrzehnt oder ein gesamtes Menschenleben, schienen die Herzen synchron zu schlagen. Sein eigenes und das, welches er vor sich in der Hand hielt.

„Dieses Mal war es leichter,“ Sagte er in die Stille hinein, nachdem das Herz in seiner Hand aufgehört hatte zu zucken.

„Jetzt, wo ich weiß, wie ich es anstellen muss, wird es mir immer leichter fallen.“ Er stand auf und legte das einsame Herz in eine sterile Metallbox.

„Nie wieder werde ich ein Herz gehen lassen, das ich liebe. Deinem Willen mich loswerden zu wollen musste ich brechen. Das musst du verstehen.“

Er drehte sich um und warf noch einmal einen letzten kühlen Blick auf die noch frische und warme Frauenleiche, die dort in der Mitte der Halle lag. Stumm und leer mit geöffnetem Brustkorb.

Er steckte die Metallschachtel in seinen Rucksack, noch ein Herz für seine Sammlung. Dann verließ er den Ort unentdeckt und unbekannt. Doch bald, das wusste er würde man seine Tat entdecken und es war noch nicht an der Zeit ihnen den Schöpfer seiner Werke zu präsentieren.

Kapitel 1 - Lücken

Anna wachte früh auf. Sie hatte sich mittlerweile mit ihrem Biorhythmus daran gewöhnt schon, um halb fünf aufzustehen. Ihr braunweißer Kater Milo ließ sie sowieso niemals viel länger schlafen. Er streifte nachts durch ihre Wohnung und bemühte sich böse Geister zu vertreiben, oder spielte gelegentlich selbst den Geist, wenn er etwas umwarf oder herunterschubste. Anna ließ sich davon in ihrem Schlaf längst nicht mehr stören. Im Gegenteil es beruhigte sie sogar zu wissen, dass ein vertrautes Wesen da war, lebte und atmete. Anna bekam dank ihrer Arbeit schon genug tote und wie Stein wirkende Körper zu Gesicht.

Milo kam in ihr Schlafzimmer. In der Dunkelheit wirkten seine smaragdgrünen Augen wie kleine Taschenlampen.

„Guten Morgen, Großer.“ Sagte Anna fröhlich, aber halb gähnend zu ihm.

„Du hast Hunger, ja? Und was macht die Kaffeemaschine? Du hattest die ganze Nacht Zeit. Wird Zeit, dass du das mal lernst.“ Sie kicherte bei dem verdutzten Blick des Katers in sich hinein. Milo erwiderte ihre Aussage nur mit durchdringendem Maunzen.

„Schon gut ich komme schon.“ Anna setzte sich auf und der Kater sprang von ihrem Bett und lief Richtung Küche.

Um sieben Uhr stand Anna mit noch viel zu kleinen Augen, aber ansonsten elegant in einem dunkelgrauen Mantel gekleidet im Flur des Polizeipräsidiums von Dortmund vor dem Kaffeeautomaten. Ihre braunen langen Haare fielen ihr über die Schulter. Sie war gerade dabei eine Münze aus einer Tasche ihres Mantels zu kramen, als sich von hinten eine tiefe Stimme erhob:

„Lass stecken Anna. Das wird noch ein anstrengender Tag für dich.“ Es war Mert Balci ihr Vorgesetzter und engster Arbeitspartner. Er war mindestens einen Kopf größer als sie und fast doppelt so alt und erfahren. Sein Gesicht zeigte bereits tiefe Furchen. Spuren, die vergangene Fälle in seiner Laufbahn hinterlassen hatten. Sein stets immer etwas stoppeliger Bart roch nach Kölnisch Wasser, welcher nur noch übertüncht wurde vom Geruch etlicher Zigaretten runtergespült mit Kaffee. Er steckte zwei Münzen in den Automaten und reichte ihr einen Becher.

„Wann war der letzte nicht anstrengende Tag?“ Erwiderte Anna immer noch gähnend. „Heißt das du hast Neuigkeiten zu dem Fall?“ Anna schaute ihn fragend an während sie an ihrem Kaffee nippte.

„Könnte man sagen. Es gibt einen neuen Fund.“ Sagte er mit ernster Stimme und schaute sie dabei leicht sorgenvoll an.

„Das meinst du nicht ernst?“ Fragte Anna ihn. Ihre Augen waren jetzt größer und wacher und schauten ihn entsetzt an.

„Doch leider. Vorhin kam die Meldung rein. Es ist wieder eine Frauenleiche. Wieder fehlt das Herz im Körper und wieder lag eine Zeichnung neben dem Opfer.

„Wieder die Skeletthand?“ Anna schauderte tatsächlich etwas.

„Jap wieder diese Hand und das Herz, das sie umklammert. Als wäre es das Herz, dass der Täter dem armen Ding direkt aus der Brust Schnitt.“ Mert schwieg eine Weile.

Anna dachte nach, während sie nebeneinander den Flur entlang liefen auf dem Weg zur morgendlichen Dienstbesprechung. Dann durchbrach sie die Stille:

„Wie ein Symbol. Der Tod, der den Frauen ihr Herz entreißt.“ Murmelte sie.

„Haha wie poetisch. Hälst du den Täter für eine Art Künstler?“ Mert lachte, doch er brach ab als er Annas Gesichtsausdruck sah. Sie schien nun hellwach zu sein.

„Ich nicht, aber vielleicht hält er sich für einen.“

Sie betraten nun das Großraumbüro, bereit für die Besprechung. Mert setzte sich zur Hälfte auf einen Tisch während Anna neben ihm stehen blieb. Ihre Kaffeebecher waren noch zur Hälfte gefüllt. Dann trat ihr Chef Herr Ahrens ein.

„Frau Slotkova?“ Rief er in den Raum.

Anna zuckte zusammen.

„Ich hoffe sie haben es schon vernommen. Es gibt weitere Arbeit für sie.“

„Ich habe es bereits vernommen.“ Entgegnete Anna.

„Herr Balci war bereits so freundlich mich in Kenntnis zu setzten. Das ist dann also Opfer Nummer drei? Vom selben Täter? Können wir Trittbrettfahrer jetzt schon ausschließen?“

„Das werden sie noch einwandfrei ermitteln müssen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir es hier mit einem Serienmörder zu tun haben ist sehr hoch. Sie und Balci begeben sich jetzt zum Tatort. Ein Loft am Phönixsee.“

Dann drehte er sich um und gab den anderen umherstehenden Personen ebenfalls Anweisungen.

„Na dann los.“ Mert stand auf und ging zur Tür. Anna folgte ihm.

„Du siehst besorgt aus.“ Mert schaute sie dabei fragend an, als wüsste er, dass Anna diesmal eine Schwachseite von sich preisgeben würde.

„Nein schon gut, ich habe nur nicht richtig schlafen können. War bis drei Uhr wach und bin um fünf schon wieder aufgestanden.“ Anna gähnte lang und gedehnt.

„Dieser Fall scheint dir was auszumachen. Obwohl du dich doch mit Serienmördern auskennst.“ Mert wirkte von ihrer Aussage ehrlich überrascht.

„Dieser Fall ist seltsam. Es wirkt nicht wie Taten aus blinder Wut, kein spontaner Impuls. Hier ist jemand am Werk, der der Welt etwas mitteilen möchte.“

„Ach und was?“ Fragte Mert sie. „Das Frauen herzlos sind?“

„Herrjeh, wenn jeder Mann anfangen würde seine Wut auf Frauen auf diese Weise auszulassen…“

„Ich sagte doch es ist mehr als bloße Wut.“ Schnitt Anna ihm die Stimme ab.

Mert ging nun weiter. „Nicht viel denke ich. Aber egal der kranke Mistkerl muss gestoppt werden.“

Sie saßen im Auto und fuhren durch den Regen. Draußen lag Dortmund noch immer im Dunkeln. Es war November. Anna mochte diese Jahreszeit nicht. Ihr kam es stets so vor, als hätte jemand sämtliche Dementoren aus der Harry Potter Welt losgelassen.

Mert fuhr während Anna zur Seite hinausschaute.

„Weist du, warum sie mich damals dir zugeteilt haben? Fragte Anna in die Stille hinein.

„Ja weiß ich. Weil ich der Beste Ermittler in Dortmund bin und du hattest bereits aus deiner Zeit in Berlin einen Ruf.“

„Es stimmt, du bist der Beste Ermittler hier, aber dir fehlt etwas Entscheidendes. Du hast fast genauso wenig Empathie, wie die Typen die wir jagen.“ Jetzt drehte sich Anna zu ihm um.

„Wenn du damit meinst ich könnte kein Verständnis und Mitgefühl für solche kranken und gestörten Seelen aufbringen hast du Recht.“ Mert schaute sie nicht an. Er erwiderte ihren Blick nicht.

„Es geht nicht bloß um Verständnis und Mitgefühl. Du denkst immer zu oberflächlich. Was glaubst du wie es ist sich auf die Dunkelheit in der menschlichen Natur einzulassen? Es geht nicht darum arme kleine Jungs zu tätscheln, z.B. weil sie ihre Mutter verloren haben. Es geht nicht darum sie zu entschuldigen.“ Anna starrte ihn immer noch an dann drehte sie sich wieder zur Seite.

„Weißt du, dieser Mann damals in Berlin. Er hat vier Männer auf der Straße erschlagen und erstochen. Klar er war selbst in so eine Lage geraten, doch warum tat ausgerechnet er diese Dinge und ist nicht etwa selbst an so jemanden geraten?“ Offensichtlich steckte das schon länger in ihm und brauchte nur etwas, um die Gitterstäbe zu zerbrechen und auszubrechen.“

Mert schwieg. Anna schaute weiter aus dem Fenster. Der Regen spiegelte die Lichter von vorbeifahrenden Autos und Straßenlaternen. Für einen Moment schloss sie ihre Augen.

Sie stand wieder dort auf einer Straße in Berlin. Es war genauso dunkel und verregnet wie in ihrer Gegenwart.

Vor ihr stand ein Mann, bereit zum Schlag mit einer Metallstange. Doch der Schlag galt nicht ihr, sondern einer Person am Boden. Die Person hatte dort geschlafen im Seiteneingang eines Hauses. Plötzlich stand der andere Mann über ihm, hielt eine lange, schwere Metallstange in der Hand und holte aus.

„STOP!!!“ Schrie Anna.

Sie erinnerte sich später nicht mehr daran wie genau es passiert. Doch plötzlich fiel der Mann mit der Metallstange zu Boden. Die Stange rollte klirrend über den Asphalt, während der Mann und sich sein Bein festhielt.

Anna hatte geschossen.

„Wir sind da.“

Anna wurde je aus ihren Gedanken gerissen. Mehr sagte Mert nicht und stieg aus dem Wagen.

Anna folgte ihm. Als sie zu dem Loft kamen, wimmelte es bereits von Leuten aus der Spurensicherung.

„Kommissar Balci., Frau Slotkova?“ Ein Mann in weißem Overall sprach sie an.

„Da sind sie endlich, kommen sie bitte mit.“ Er führte sie nicht zu der Leiche, sondern einem hageren jungen Mann. Blass, mit Brille und kurzen blonden Haaren. Er trug eine Daunenjacke darunter Jeans und helle grüne Schuhe. Sauber, fast zu sauber.

„Das ist derjenige der sie gefunden hat.“ Sagte der Mann im Overall. Er stellte sie vor und verschwand wieder.

„Ich bin Anna Slotkova. In welcher Verbindung stehen sie zu dem Opfer?“

Anna war meist höflich, aber direkt. Sie hasste es lange, um eine Sache herum zu reden. Eine Eigenschaft mit der nicht jeder gut umgehen konnte.

„Ich, ich studiere mit ihr.“ Stammelte der junge Mann und wurde nun noch blasser.

„Bin ich etwa verdächtig?“

Mert schaute ihn an und sagte dann: „und wie.“

„Abwarten.“ Unterbrach ihn Anna.

„Aber natürlich ist erstmal jeder, der sich überhaupt in der Nähe eines Tatortes befindet verdächtig. Reine Routine.“ Sie versuchte zu lächeln und ihm ein Gefühl von Verständnis zu zeigen.

„Also sie haben zusammen studiert?“ „Das muss ein richtiger Schock sein.“ Sagte Anna zu dem Mann.

„Ich fühle mich noch immer wie in einem bösen Traum.“ Der Mann zitterte am ganzen Körper.

„Was dagegen, wenn wir sie mitnehmen? Sie sollten erstmal weg von hier. Wir haben auch Kaffee und Waffeln. Oder wenn sie lieber Tee mögen…“ Sagte Anna und lächelte ihn immer noch verständnisvoll an.

„Schluss, lass uns einfach fahren.“ Raunte Mert und sah den Mann mit zusammengekniffenen Augen an.

Nun saßen sie im Verhörraum. Alle drei hatten Kaffeebecher vor sich. Nur Mert aß eine Waffel.

Noch mit halb gefülltem Mund sprach er:

„also, dann erzähl doch mal, was du da gemacht hast? Wann warst du dort? Und wozu?“

Anna schwieg dabei, beobachtete die Situation und nahm einen Schluck Kaffee. Sie versuchte dem Mann einen ermutigenden Blick entgegenzubringen.

Nach einer kurzen Stille warf sie ein:

„schauen sie mal wir möchten ihnen helfen und vor allem wissen, was mit ihrer Freundin passiert ist.“

„Was mit ihr passiert ist? Jemand hat ihr Herz mitgenommen. Es gestohlen, und zwar wirklich. Was will man da noch wissen?“ Schrie der Mann plötzlich heraus. Er hatte jetzt Tränen in den Augen.

„Und hatten sie ihr Herz? Oder wollten sie es“ Fragte Anna in schärferem Ton.

„Was soll diese Frage“

„Sie haben die Frage verstanden. Antworten sie.“ Sagte Anna mit Nachdruck.

„Na schön, sie wollen wissen ob wir ein Paar waren? Nein, das wollte sie nicht. Wir sind sehr gute Freunde. Ich wollte sie heute Morgen abholen. Wir wollten zum Flughafen und uns mit weiteren Freunden treffen. Ein Kurzurlaub verstehen sie.“ Stammelte der Mann weiter.

Anna hörte aufmerksam zu.

Mert durschnitt die kurze Pause:

„und dann habt ihr euch gestritten, weil du gehofft hast in dem Urlaub könnte endlich mehr zwischen euch passieren. Nur hat sie dir wieder mal zu verstehen gegeben, dass das nix wird.“

„Nein.“ Schrie der Mann jetzt.

„Das war so nicht. Die Tür war schon offen und sie lag da. Ein Nachbar hat mich schreien gehört und sofort die Polizei gerufen. Aber es war bereits alles so wie sie es gesehen haben.“ Er fing an zu schluchzen und vergrub sein Gesicht in den Händen.

„Ich glaube ihnen“ Sagte Anna leise, aber bestimmt.

„Und wieso?“ Presste Mert zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen heraus.

„Ich habe dir doch schon gesagt es hat nichts mit bloßer Wut oder fehlender Impulskontrolle zu tun. Es passt nicht, was du sagst. Vielleicht bei einem anderen Fall. Aber das hier war kein Mord aus Leidenschaft oder vergeblicher Sehnsucht. Es ist ein Statement. Genau wie die anderen beiden Morde.“ Entgegnete Anna ihrem Vorgesetzten nun ihrerseits leicht genervt.

„Hm, vielleicht hast du Recht. Der Bursche wirkt jedenfalls auch nicht wie ein Serientäter. Oder er ist ein zu guter Schauspieler. Ich glaub der hat auch genug für heute. Müssen nur noch sein Alibi überprüfen.“

Anna nickte.

„Bitte erzählen sie ganz genau, wo sie gestern Abend und heute früh waren.“

„Gestern Abend war ich noch bei meiner Schwester. Noch ein paar Sachen abholen, die ich mitnehmen wollte. Lara hat mich noch angerufen. Wir haben dann verabredet, dass ich sie um sechs Uhr abhole.“ Erzählte der Mann jetzt mit verschnupfter Stimme.

„Ok, und wohin sind sie dann, und um wie viel Uhr?“ Fragte Anna ihn beharrlich weiter.

„So gegen einundzwanzig Uhr bin ich zurück zu meiner WG, die müssten auch gehört haben, dass ich heute Nacht zuhause war.“

„Wie kommen sie darauf?“ Fragte Anna weiter.

„Na ich höre eigentlich die ganze Nacht Musik zum Einschlafen. Die anderen stört das nicht.“

„Gut, wir prüfen das.“ Schloss Anna.

„Der Nachbar, der die Polizei rief, teilte auch mit, dass das Opfer gegen dreiundzwanzig Uhr noch draußen stand und laut telefoniert hat.“ Warf Mert ein.

„Das sagst du jetzt.“ Anna war empört.

„Können wir rausfinden mit wem sie noch telefoniert hat?“

„Ich kümmre mich drum ok?“ Mert atmete tief ein.

„Gut, ich denke sie können gehen. Wir werden bald noch mit ihren Mitbewohnern sprechen.“ Anna stand auf und begleitete den Mann zur Tür. Mert blieb in der Ecke stehen. Dann regte er sich.

„Ich geh dann mal eine rauchen und kümmre mich danach wie gesagt um die nächsten Infos.“

Sie verließen zu dritt den Verhörraum.

Anna stand jetzt allein im Büro am Fenster. Der Regen über Dortmund hatte sich verzogen und langsam kam die Sonne zum Vorschein. Gleißendes Licht flutete die Straße und ihr Büro. Während sie dastand, dachte sie nach:

Drei Opfer. Allen fehlt das Herz. Fein und sauber herausgetrennt. Dazu immer wieder diese Zeichnung. Eine Skeletthand, die ein anatomisch aussehendes Herz umklammert.

Weitere Verbindungen schien es kaum zu geben.

Alle drei Opfer waren weiblich, vielleicht Anfang oder Mitte zwanzig. Schlank und brünett, wie sie selbst.

Und alle drei Opfer schienen studiert zu haben. Kunst.

Da ging ihr wieder durch den Kopf, was Mert gesagt hatte:

fast poetisch, wie ein Künstler.

Die Tür ging laut auf. Mert stapfte herein.

„Also die Nummer, mit der sie zuletzt telefoniert hat, ist nicht mehr vergeben. Wir könnten höchstens herausfinden, von wo aus der Anruf kam. Aber scheinbar ist die Person vorsichtig. Ich wette selbst das wird uns keinen neuen Anhaltspunkt geben.“

Anna antwortete nicht sofort.

„Worüber denkst du nach Anna?“ Mert reichte ihr einen neuen Kaffeebecher und eine Waffel.

„Danke, nein, ich hab keinen Hunger.“ Sagte sie leise zu ihm, während sie den Kaffeebecher entgegennahm.

„Komm schon du musst was essen. Du schläfst schon fast nicht mehr. Ein bisschen muss ich wohl doch aufpassen. Ich brauch dich noch. Ich fühle doch schließlich nix.“

Er machte eine Geste, die andeutete, wie er sich das Herz aus der Brust riss.

Anna nahm nun auch die Waffel, ging an ihm vorbei und verpasste ihm dabei einen Rempler.

„Das ist überhaupt nicht witzig.“

Sie setzte sich und begann an ihrem PC das Protokoll zu tippen.

„Schon gut, ich meins nicht so. Ich brauch dich wirklich, um mit der Arbeit voranzukommen.“

Anna nickte und tippte still weiter.

„Störts, wenn ich das Radio anmache?“

Anna antwortete nicht.

Musik erschien im Raum. Wieder irgend so ein Cover Mist dachte sie.

Dann: Nun die Nachrichten. Die Polizei hat heute früh bereits die dritte Tote innerhalb eines Monats aufgefunden. Alle drei Opfer weisen Spuren von gewaltsamer Fremdeinwirkung auf. Es handelt sich dabei um junge Frauen Anfang bis Mitte zwanzig mit brünetten Haaren.

Anna hörte nicht weiter zu.

Gewaltsame Fremdeinwirkung, so nennt man das, wenn einem wortwörtlich das Herz aus der Brust gerissen wird. Das klingt genauso sauber, glatt und steril wie die Tat des Mörders tatsächlich zu verlaufen scheint.

Ein Symbol. Von außen wie Leidenschaft, aber in Wahrheit kalt und ohne jegliches Gefühl. Ohne Mitgefühl zumindest.

Sie suchte also jemanden der mit Symbolen spricht, der mit Emotionen spielt. Jemand der täuschen und manipulieren kann.

Sie hatte getippt und getippt. Fast wie von selbst, während sie gleichzeitig in ihren Gedanken hing. Mert war gegangen, wiedergekommen und wieder gegangen. Sie sprachen nicht weiter.

Es begann wieder dunkel zu werden. Mert schaltete seine Schreibtischlampe aus und Anna saß nun ganz im Dunkel. Sie schreckte hoch.

„Na wieder hier?“ Mert grinste sie an. Du warst so tief in Gedanken wie lange nicht. Ich dachte ich stör mal ausnahmsweise nicht weiter. Aber jetzt fahr ich. Du solltest auch Schluss machen für heute und versuchen Schlaf nachzuholen.“

„Ja vielleicht. Ich schließ das hier noch ab und dann bin ich auch weg.“ Anna hielt eine Hand an ihre Schläfe. Sie bekam Kopfschmerzen.

„Siehste.“ Sagte Mert.

„Dann bis morgen. Grüß Milo von mir. Der kleine Kerl freut sich doch auch schon auf dich. Er ging zur Tür und winkte hinterher.

Anna lief durch die Dunkelheit nachhause. Ihre Wohnung im Kreuzviertel war nicht weit entfernt. Manchmal überkam sie ein mulmiges Gefühl, wenn sie so allein durch die Nacht ging. Doch Angst verspürte sie keine.

Bis vor zwei Wochen. Als die zweite Leiche gefunden wurde. Da erkannte sie, dass es jemanden in der Stadt gab, der mehr war als sie bisher kannte. Sie wollte Mörder, Vergewaltiger und Kinderschänder nie als Monster betrachten, doch dieser jemand schien aus einer anderen Dunkelheit zu kommen. Viel dunkler als jede Nacht. Und vor dieser Dunkelheit konnte sie sowieso nicht weglaufen, sondern musste sie sogar jagen.

Kapitel 2 – Andere Welten

Es war bereits kurz vor Mitternacht, als Anna die Wohnungstür endlich hinter sich schloss.

Draußen lag Dortmund still unter dem Regen, der über die Dächer des Kreuzviertels peitschte. Sie hatte es gerade noch rechtzeitig geschafft, bevor die Schleusen des Himmels sich wieder öffneten.

Milo rannte auf sie zu. Ein vorwurfsvolles Maunzen begleitete ihn.

„Ich weiß, ich weiß, ich bin spät“, murmelte sie und stellte ihre Tasche ab und hängte ihren Mantel an einen Haken über der Tür.

Sie war hierher versetzt worden und auch nur wenige Zeit am Tag hier. Dennoch genoss sie das Gefühl in ihre Wohnung zu kommen. Es roch nach Farbe und Bilder, die sie selbst gemalt hatte, hingen an den Wänden. Gelegentlich roch es auch nach ihrem Kater. So wie jetzt. Sie hatte ihm seinen Futternapf serviert und rümpfte nun die Nase.

„Uff dein Klo muss wohl auch wieder geleert werden was Milo?“

Milo schmatzte nur zufrieden.

Endlich nach dem sie alle Kleinigkeiten erledigt hatte saß sie da auf ihrer Couch und wedelte leicht verträumt mit der Katzenangel. Milo gab entzückte Maunz Geräusche von sich und stürzte sich auf die Fäden der Angel.

In der Ecke des Wohnzimmers stand außerdem eine Staffelei, übersät mit getrockneten Farbspritzern und daneben ein alter Schreibtisch, voll mit zerknitterten Seiten, Bleistiften und einer ledergebundenen Mappe, auf deren Einband in goldener Schrift stand:

„Chronik von Firrock — Vom Ursprung bis zur Legende von Faithful“

Wenn Anna nicht gerade dabei war Psychopathen zu jagen verbrachte sie ihre Zeit am liebsten in fremden Welten. Keine, die andere Geschaffen hatten. Sie schuf ihre eigenen Welten. Orte die heile waren. Orte in denen es auch allzu menschliche Probleme gab. Allerdings konnte sie diese Probleme in ihren eigenen Welten stets lösen. Sie malte Bilder aus ihrer Welt und schrieb Geschichten darüber. Oder sie hatte eine wunderbare Geschichte im Kopf und malte später ein Bild daraus.

Milo hatte genug vom Spiel und ging erneut zum Napf, um sich für seine Jagtkünste zu belohnen. Es war still in Annas Wohnung. Die Stille wurde jetzt nur vom genüsslichen Schmatzen des Katers durchbrochen. Anna liebte dieses Geräusch und auch ihm beim Fressen zuzusehen. Seine Welt ist in Ordnung dachte sie.

Sie stand auf und ging zu ihrem Schreibtisch.

Sie schaltete die kleine Schreibtischlampe an.

Das Licht war warm und durchdringend.

Es fiel auf Worte, die sie selbst geschrieben hatte — in den Nächten, wenn die Stimmen der Stadt endlich schwiegen und nur noch Fantasie und Herz übrigblieben.

Sie schlug die Mappe auf.

Die ersten Seiten trugen zarte Linien, feine Zeichnungen: Ein Felsen, eine Burg, der Blutbaum.

Darunter stand, in ihrer Handschrift:

Im Anfang war nichts denn ein einsamer Fels, ragend aus weiter Flur und grüner Wiese…

Ihre Finger glitten über die Buchstaben.

Ein Teil von ihr lebte in dieser Welt — in Firrock, wo Ehre, Verrat und Liebe in alten Worten weiterglühten.

Hier war keine Spur von leeren Brustkörben, keine Skeletthand, die Herzen hielt.

Hier herrschten andere Gesetze: das Schicksal, teils Magie und stets Moral.

Sie begann zu lesen — leise, fast wie ein Gebet.

„Als sodann ein König das Land regierte, sandte er seinen Verwalter, einen Mann von Rang…“

Ihre Stimme füllte den Raum, und für einen Augenblick verwischten die Grenzen zwischen der Welt des Mörders und der des Mythos.

Der Regen draußen klang wie das Rauschen des Waldes von Firrock.

Das Ticken der Uhr wurde zu den Hufschlägen von Rittern auf steinernen Wegen.

Und irgendwo, in der Tiefe ihrer Gedanken, lebte Faithful, die smaragdäugige Katze, als Spiegelbild von Milo.

Sie nahm einen Stift und schrieb weiter:

„Darum lehren die Alten: Wer das Licht von Firrock sieht, soll stillstehen und sich verneigen, denn das ist Faithful, die Hüterin der Liebe, die den Tod besiegt hat.“

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen.

In dieser Welt gab es noch Hoffnung dort, wo Treue stärker war als Tod.

Vielleicht schrieb sie deshalb.

Um einen Ausgleich zu schaffen zu den Dingen, die sie täglich sah: Körper ohne Herz, Menschen ohne Empathie.

In Firrock war Schmerz Sinn, und Tod hatte Bedeutung.

In Dortmund war er nur… leer.

Sie blätterte weiter, bis sie am Appendix angelangt war.

De Fele Alba Mortis – Von der weißen Katze des Todes.

Anna las die Zeilen, und ein Schauer überlief sie:

„Man sagt, wer sie sieht, sei bald erlöst. Denn sie führt die Seelen sanft über die Schwelle…“

Hatten all die Frauen sie vielleicht zuvor gesehen? Die weiße Katze.

Milo sprang auf den Tisch legte sich auf das Buch.

Anna streichelte ihn, lächelte schwach.

„Du bist mein Faithful“, flüsterte sie.

Dann hob sie den Kopf und sah im Spiegel ihr eigenes Bild: glattes, braunes Haar, ernste grüngraue Augen, das Gesicht einer Frau, die zu viele Nächte mit Schatten verbrachte.

Sie nahm den Stift, ein neues Blatt Papier und begann zu schreiben keine Fantasy diesmal, sondern etwas anderes, etwas, das sie nicht benennen konnte:

„Vielleicht sind alle Monster nur Menschen, die zu sehr fühlen. Vielleicht sind alle Helden jene, die trotzdem lieben.“

Sie legte den Stift ab.

Der Regen ließ nach, Milo schnurrte.

Anna lehnte sich zurück und schloss die Augen.


 
 
 

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