Der Herzen Sammler Kapitel 3-4
- simongra
- 22. Nov.
- 17 Min. Lesezeit

Kapitel 3 – Saubere Arbeit
Es war nicht ihr Wecker und auch nicht ihr Kater, der Anna aus dem Schlaf riss. Jemand klingelte sturm an ihrer Wohnungstür. Sie sprang auf. Milo, der auf ihrem Schoß gelegen hatte huschte empört davon und verkroch sich im Schlafzimmer.
Sie ging zur Tür und öffnete sie.
Dort stand Mert.
„Na endlich du musst sofort mitkommen. Es ist ernst.“ Keuchte er verschwitzt.
Zehn Minuten später saßen sie in Mert‘s Wagen. Anna nippte an einem Kaffee und aß gleichzeitig eines der Croissants, die Mert mitgebracht hatte. Mert steuerte den Wagen mit einer Hand, in der anderen hielt er eine Zigarette aus dem offenen Fenster. Die kalte, schneidende Morgenluft machte Kaffee eigentlich überflüssig.
„Also erzähl endlich was so ernst ist.“ Sagte Anna und schaute ihn wieder mit ihrem durchdringenden wacheren Blick an.
„Es gibt schon wieder eine.“ Mert schluckte.
„Das kann nicht sein. Nicht in so kurzer Zeit.“ Anna war entsetzt.
„Es ist so. Es scheint der Kerl wird wahrloser und damit noch gefährlicher.“ Mert nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette, während er an einer roten Ampel hielt.
„Wo diesmal?“ Fragte Anna ihn.
„Irgendwo am Hafen. Wohl sowas wie ein Atelier oder so.“ Er schnaufte fast abfällig.
„Wieder ein Freund, der sie gefunden hat. Wohl ein Kommilitone oder sowas.“
„Hafen, sagst du?“ Fragte Anna ihn wieder.
„Ja. Speicherstraße. Wie gesagt eine Ateliergemeinschaft oder sowas. Junge Leute, viel Ego, viel Farbe.“
Mert lachte leise.
„Ich hab den Geruch von Farbe noch nie gemocht. Riecht nach Armut mit Anspruch.“
Anna antwortete nicht.
Sie mochte den Geruch, dieses Gemisch aus Terpentin und Träumen.
Am Hafen angekommen stiegen sie aus. Mert warf seine Zigarette auf den Boden und trat sie aus, bevor er sich eine weitere anzündete. Als ob es nicht nebelig genug wäre dachte Anna und blickte auf das Wasser.
„Soll ich fragen, wo wir hinmüssen?“ Wandte sie sich an Mert, dem ihr ironischer Unterton nicht entgangen war.
„Wahrscheinlich genau zu dem einzigen Fleckchen hier, an dem keine Leute von uns rumstehen oder es nach Blaulicht aussieht.“ Er nickte dabei und tat, als würde er es ernst meinen.
Dann seufzten beide gleichzeitig: „na schön dann los.“
Ein Mann in weißem Overall mit Maske empfing sie am Eingang des Speichergebäudes. „Ahh die Herrschaften der Mordkommission. Gut geschlafen? Gut gefrühstückt? Denn mit nüchternem Magen wird das jetzt sonst schwierig.“ Er lachte gekünstelt und bedeutete ihm zu folgen.
Mert verdrehte die Augen: „Wir haben alle unseren Job Till. Außerdem hab ich dafür gesorgt, dass du überhaupt schon hier bist. Hatte sowas wie ne Eingebung und bin schon heut Nacht zurück ins Büro. Da kam schon der Anruf.“
„Schon gut Mert ich meins doch nie so ernst. Weißte doch.“ Er tätschelte Mert die Schulter.
Dann traten sie zusammen ein.
Drinnen roch es nach Farbe, Staub und etwas, das zu süß war, um noch Leben zu sein.
Das Licht fiel schräg durch die hohen Fenster, gefiltert vom Nebel.
Der Körper lag in der Mitte des Raumes.
Jung. Weiblich. Mitte zwanzig vielleicht.
Eine Studentin: Dunkle braune Haare, schlank, Jeans, hochgezogener Kapuzenpullover und barfuß.
Eine Leinwand war halb über sie gefallen, als hätte sie versucht, sie zu schützen.
Darunter: Die junge Frau, die Brust geöffnet, präzise und scheinbar ohne unnötige Gewalt.
Der Schnitt verlief so gerade, dass er fast schön war.
Anna kniete sich neben sie.
Ihre glatten braunen Haare fielen ihr über die Schulter, berührten fast die Haut der Toten.
Sie sah das Gesicht, still, nicht schockiert, eher überrascht.
Als hätte sie bis zum letzten Moment geglaubt, dass alles noch gut ausgehen würde.
„Saubere Arbeit“, murmelte Anna. „Wenn man das so nennen will.“
Mert räusperte sich und deutete auf den Arbeitstisch.
Dort lag die markante Zeichnung. Eine Skeletthand, die ein Herz hielt. Wie eine makabre Autogrammkarte des Mörders.
Wieder würden sie keine Fingerabdrücke oder sonstigen Spuren daran finden.
Anna spürte, wie sich etwas in ihrem Bauch verkrampfte, nicht Ekel, sondern eine Art Trauer, die zu tief saß, um einen Namen zu haben.
Sie richtete sich auf und sah sich um.
Leinwände, unfertig, überall. Herzen, Hände, Gesichter ohne Augen.
Die Luft flimmerte vor Bedeutung, aber nichts sprach laut.
„Kampfspuren?“ Fragte sie dann den Mann im weißen Overall.
„Kratzer an den Händen. Ein abgebrochener Nagel. Vielleicht finden sich Hautreste des Täters darunter.“ Till blätterte in einem Notizblock. "Aber keine Einbruchsspuren. Sie muss ihn gekannt haben.“
Anna ging zum Fenster.
Draußen das Wasser, trüb wie Asche, nur aufgepeitscht vom Wind. In dem Dämmerlicht sah der Hafen grau aus. Sie fühlte sich wie in einem schwarzweiß Film.
„Er wusste, was er tat“, sagte sie leise.
„Wie gesagt das ist kein Impuls. Das ist … eine Art künstlerischer Darbietung.“
Mert sah sie an, dieser müde Blick, der gleichzeitig Zweifel und Respekt bedeutete.
„Dann such du mal deinen Picasso des Todes. Ich brauch jetzt auch erstmal dringend nen Kaffee.“
Und er ging nach draußen, nicht ohne sich erneut eine Zigarette anzuzünden.
Anna sah ihm hinterher und schüttelte den Kopf.
Innerlich sagte sie aber zu sich selbst: Und wie ich ihn finde.
Sie blieb zurück, als die Spurensicherung den Raum weiter markierte.
Berlin dreieinhalb Jahre zuvor. „Das ist Frau Slotkova, sie wird sich bestimmt sehr gut in ihrem Team einfügen.“ Sagte Bernsdorf zu den an einem langen Tisch sitzenden Personen.
„Sie war die Jahrgangsbeste in der Ausbildung und hat bei den Aufnahmetests herausragende analytische Fähigkeiten gezeigt. Also genau das was wir gebrauchen können.“ Bernsdorf schaute nun den Mann der ganz vorne saß gezielt an.
Dieser schaute zurück und antwortete: „nun der letzte Fall lief unglücklich ja, aber gerade deswegen hab ich erst recht keine Zeit Frischlinge zu beaufsichtigen.“
Anna stand während der gesamten Unterhaltung nur da, leicht verdeckt von Bernsdorf. Jetzt räusperte sie sich.
„Da, die meldet sich doch bestimmt, nachdem sie den ersten Tatort gesehen hat, krank.“
Bernsdorf antwortete: „ich verstehe, dass ihr Ego angekratzt ist, aber wenn wir gerade etwas nicht gebrauchen können, dann ist das Eigensinn.“
Wieder wollte der Mann, scheinbar der Leiter des Ermittlerteams seine Stimme erheben und stand auf.
Niemand schien Anna zu beachten oder gar ihr zuhören zu wollen. Doch Anna war es schon immer egal gewesen, wer vor ihr stand, wenn sie etwas sagen wollte, tat sie das. So auch jetzt. Sie trat hervor und stellte sich nun direkt vor den Leiter.
„Sie halten mich für unfähig, ohne mich zu kennen, ja? Nun dafür kenne ich sie und hatte bis gerade eigentlich auch großen Respekt vor ihnen. Wir haben in der Ausbildung auch einige ihrer Fälle besprochen und ihr Vorgehen dabei thematisiert. Sie sind ein brillanter Ermittler, aber eine neue Perspektive kann nie schaden. Ich versichere ihnen, dass sie mich auch nicht lange einarbeiten müssen. Ich brauche bestimmt keinen Babysitter, aber sie und ihr Team brauchen frischen Wind.“
Sie erinnerte sich noch an Berndorfs strahlendes Gesicht und den Leiter, dem es die Sprache verschlagen hatte.
Warum Anna sich ausgerechnet jetzt an diese Szene erinnerte wusste sie nicht, nur das ihre Einarbeitung tatsächlich schneller ablief als es alle hätten erwarten können.
Anna saß zusammen mit den anderen Mordermittlern im Besprechungsraum. Die Tür flog auf und herein trat Jansen ihr Vorgesetzter. Er ging geradewegs durch den Raum an ihnen vorbei und schrieb etwas auf das Whiteboard.
Datum, Ort und Zustand der Leiche.
„Gerade kam ein Anruf, eine Leiche wurde gefunden. Heute Morgen von einem Spaziergänger mit Hund. Die Leiche hat wohl im Gebüsch in diesem Park gelegen. Die Spurensicherung ist schon unterwegs. Ich teile uns jetzt ein und dann geht’s los.“
Sie fuhr zusammen mit Jansen. Eigentlich hatte sie sich darüber gewundert, dass ausgerechnet er sie mit zu dem Tatort nahm, denn offensichtlich hatte er sie doch nicht leiden können und ließ in den vergangenen Wochen, seit sie in der Mordkommission arbeitete, nie eine Gelegenheit aus sich abfällig über sie zu äußern.
Während der gesamten Fahrt schwiegen sie nur. Anna war nicht daran interessiert Fragen zu stellen und sich wieder eine Schellte von ihrem Vorgesetzten abzuholen und Jansen war offenbar auch nicht daran interessiert schon über den Fall zu reden oder Smalltalk zu führen.
Eigentlich sind wir uns nicht mal unähnlich. Keine unnötigen Worte verlieren, dachte Anna.
Sie sah aus dem Fenster. Berlin lag noch im morgendlichen Dämmerlicht, doch es herrschte bereits rege Betriebsamkeit auf den Straßen. Sie kamen nur schleppend durch den Berufsverkehr.
Als sie endlich in dem Park ankamen, stieg Jansen sofort wortlos aus dem Wagen und ging, ohne auf Anna zu warten zu Menschen in weißen Overalls, die offensichtlich zur Spurensicherung gehörten.
Anna stieg nun ebenfalls aus und folgte ihm.
Jetzt drehte sich Jansen um: „Frau Slotkova? Wo bleiben sie denn? Auch wenn es noch früh ist, sie sollten aufgeweckter sein.“
Anna sagte nichts.
„Nun, was habt ihr bis jetzt gefunden?“ Fragte Jansen die Männer der Spurensicherung.
„Also der Fußgänger hat die Leiche ca. um halb fünf heute Morgen bei der Runde mit seinem Hund entdeckt. Scheinbar lief das Tier Richtung Gebüsch und hörte nicht mehr auf zu bellen.“
„Das Opfer wurde also nicht besonders gut versteckt, eher leicht zu finden und im Öffentlichen Raum. Scheint der Täter hatte nicht viel Zeit.“ Jansen legte jetzt Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand an sein Kinn wie zur Denkerpose.
„Gut weiter, was gibt es zum Opfer zu sagen?“
Der Mann im weißen Overall, der zuvor gesprochen hatte, antwortete wieder:
„Nun es sind erste Schätzungen als Angaben, genaueres wird der Autopsiebericht ergeben. Das Opfer ist männlich, ca. Mitte vierzig bis Mitte fünfzig. Wahrscheinlich ein Obdachloser, der hier irgendwo im Park sein Schlafplatz hat. Der Körper ist nicht im besten Zustand, sehr ungepflegt und scheinbar länger nicht gewaschen. Auch seine Kleidung scheint er länger nicht gewechselt zu haben.“
Jansen unterbrach ihn: „schön und gut, was gibt es zur Todesursache bisher?“
Wieder sprach der Mann im weißen Overall: „Kommt mit dann seht ihrs. Ist eigentlich auch ohne Bericht eindeutig.“
Jansen und Anna folgten ihm.
„Schonmal eine richtige Leiche am Fundort gesehen Prinzesschen? Das wird jetzt etwas anderes als in den Vorlesungen.“ Jansen grinste sie schelmisch an.
Immer noch schwieg Anna, ballte jetzt aber ihre Fäuste in ihren Jackentaschen.
Dort lag der Mann. Er trug einen schwarzen Jogginganzug mit Löchern und voller Flecken. Von seinen Schuhen löste sich bereits die Sohle. Neben ihm lag ein Plastikbeutel, in dem ein aufgerissenes Kissen steckte. Scheinbar hatte er den Beutel während des Angriffs fallen gelassen.
Nun blickte Anna an der Leiche hoch. Der Mann lag auf dem Rücken, aber dort wo sein Gesicht hätte sein sollen, war nichts als verbeultes, blutiges und vernarbtes Fleisch zu erkennen. Weder eine Nase noch Augen und Mund waren in der blutigen Masse noch richtig zu erkennen.
Anna starrte auf den unbekannten Mann herab. Sie musste nun tatsächlich schlucken und kämpfte innerlich mit sich.
„Sag ich doch Mädel. Und nicht nur der Anblick ist besonders im Gegensatz zu euren Fotos in den Vorlesungen. Nimm mal nen Zug.“ Er atmete hörbar mit der Nase ein.
Anna nahm nun ebenfalls die Gerüche an diesem Ort war. Es war noch nicht der süßliche Geruch von einsetzender Verwesung in der Luft. Der Mann konnte also noch nicht allzu lange dort liegen. Sie nahm den Geruch von Alkohol, Schweiß, Kot und Urin war. Es war wie der Mann der Spurensicherung ihnen gesagt hatte. Das Opfer war offensichtlich ein Obdachloser, der länger kein Bad genossen hatte. Zudem hatte sein Körper sich nach seinem Ableben, oder vielleicht auch schon davor, entleert.
Anna kämpfte gegen das Würgen und den Drang sich zu übergeben an.
Jansen lachte nun: „Du gewöhnst dich dran. Und falls nicht…na ja dann würd ich mir überlegen was anderes zu machen.“
Wieder in der Gegenwart. Anna hörte immer noch Jansens Lachen von damals. Das Klicken und Blitzen der Kameras, das Rascheln der Beweisschachteln, das die Leute von der Spurensicherung auslösten, riss sie nun endgültig aus ihren Gedanken.
Anna ging umher und dachte nach. Sie stellte sich vor, wie er hier gestanden hatte.
Wie er den Schnitt gesetzt hatte, ruhig, ohne Hast.
Wie er dann das Herz in den Händen gehalten hatte, schwer, warm, pulsierend, für einen Moment lebendig. Sie fragte sich, was er dabei empfunden hatte.
Faszination? Macht? Liebe? Oder gar nichts. Nur die Leere, die bleibt, wenn man versucht, etwas zu fühlen, das längst verbrannt ist.
Tropfen fielen von der Decke auf den Boden, genau in die Blutlache.
Es klang wie das Ticken einer Uhr. Eins. Zwei. Drei.
Zeit, dachte sie, läuft hier anders.
Draußen hupte ein Auto, jemand lachte auf der Straße.
Leben ging weiter, gleichgültig, wie immer.
Anna trat näher an den Arbeitstisch.
Neben der Zeichnung lag ein offenes Skizzenbuch, darin Studien von Herzen, Adern, Muskelsträngen.
Alles anatomisch korrekt, aber mit einer merkwürdigen Zärtlichkeit.
Sie berührte das Papier mit der Fingerspitze.
Es fühlte sich warm an. Vielleicht Einbildung.
Auf einer Seite stand in Bleistift:
„Das Herz ist eine Maschine. Wer sie versteht, kann damit alles erschaffen – oder zerstören.“
Sie las den Satz zweimal. Dann schloss sie das Buch, vorsichtig, als könnte es bluten.
Sie verließ den Ort, der zu schreien schien und doch in Wahrheit völlig still war.
Regen prasselte nun auf den Asphalt, mischte sich mit Öl und Farbe zu schillernden Pfützen.
Anna atmete den kalten Wind ein.
"Wo ist dieser Kommilitone jetzt? Der, der sie gefunden hat?"
"Kannst du vergessen." Raunte Mert Er stand an die Seite ihres Dienstfahrzeugs gelehnt. Die Fahrertür geöffnet, ein Kaffeebecher auf dem Dach, während er an einem Croissant kaute.
"Hatte einen traumatischen Schock und viel mehr als: ich wollte sie doch nur abholen..., kriegt man jetzt noch nicht aus dem heraus." Er schüttelte den Kopf.
"Na schön." Seufzte Anna und ballte die Faust in ihrer Manteltasche.
„Dann will ich ihre Kursliste in der Akademie, mit wem sie studiert hat, wer ihre Dozenten waren, alles.
Und ich will wissen, ob sie jemanden hatte, einen Partner, Ex, Mentor, irgendwen, der ihr Herz kannte. Kannst du mir die Informationen besorgen?" Fragte sie zögerlich, aber mit fest entschlossenem Blick.
Ihre grün grauen Augen konnten warm und herzlich sein, aber nicht, wenn sie etwas suchte.
Mert nickte. „Mach ich. Und du?“
„Ich seh mir das Skizzenbuch an. Vielleicht erzählt es mir mehr als die Leute.“
„Du redest mit Papier?" Fragte Mert etwas ungläubig.
„Papier lügt weniger als Menschen.“
Mert zog die Augenbrauen hoch, aber sagte nichts mehr.
Sie ging ein paar Schritte zum Wasser.
Der Nebel hatte sich mit dem Wind verzogen und der Regen ließ bereits wieder nach. Im Schweigen hörte sie jetzt ihren eigenen Herzschlag. Langsam, ruhig, fast unbeeindruckt.
Aber irgendwo darin, ganz tief, spürte sie auch etwas Fremdes.
Sie hatte eine Ahnung, dass der Mann, den sie suchte, nicht einfach ein Mörder war. Sondern jemand, der die Sprache der Herzen besser beherrschte als sie selbst.
Kapitel 4 – Rotes Papier
Sie waren zurück in ihrem Büro im Polizeipräsidium.
Anna hängte ihren Mantel auf und nahm ein kleines Handtuch aus einem der Schränke, womit sie sich dann ihre regennassen Haare trocken rubbelte. Mert warf seine alte braune Lederjacke einfach über seinen Stuhl und nahm zur Abwechslung einen Schluck aus einer Wasserflasche, die schon seit Tagen auf seinem Schreibtisch stand.
Er seufzte: „ich schau noch kurz in den Bericht der Spurensicherung, dann mach ich mich auf den Weg zu dieser Kunstakademie und schau, was ich dort rausfinden kann.“ Er schlug überraschend mit einer Faust auf den Tisch.
„Unglaublich, dass wir da nicht schon früher angesetzt haben. Seit einem Monat hinterlässt der Kerl jetzt schon Frauen ohne ihre Herzen zurück und alle haben Kunst studiert oder hatten zumindest irgendetwas damit zu tun.“ Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und ließ beide Arme seitlich sinken. Als wäre er erschöpft.
Anna hob ihren Kopf unter dem Handtuch hervor und nickte nur. Sie drehte die Heizung auf und legte das nasse Handtuch darüber. Dann band sie ihre Haare zu einem Zopf und schaltete den Wasserkocher, der in der Ecke stand, ein.
Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und holte das Skizzenbuch, dass sie im Speicher am Hafen gefunden hatten aus ihrer Tasche.
„Gut, wenn du gleich fährst, nehme ich mir das hier vor.“
Sie hob das Heft in die Luft und zeigte mit ihrer anderen Hand darauf.
„Unglaublich, dass der Mörder es zurückgelassen hat. Etwas so Persönliches und intimes.“
Sie runzelte die Stirn.
„Ich mein nicht nur für einen Mörder, sondern selbst für einen Künstler ist so etwas wie ein Teil von sich selbst.“ Sie hielt inne, dann fuhr sie fort.
„Zufällig weiß ich das. Ich hab auch so etwas zuhause, für kreative Ideen.“ Sie zwinkerte jetzt.
„Ein Notizheft für Morde und eins für schönere Dinge.“ Sagte sie.
„Du bist kreativ? Malst du etwa, oder wie?“ Fragte Mert sie überrascht.
Anna seufzte jetzt mit einem leicht selbstzufriedenen Gesichtsausdruck.
„Ich versuchs hin und wieder.“ Weißt du wir Menschen sind nicht alle eindimensional. Wir haben verschiedene Facetten. Ich eben auch.“ Sie sprang auf und rannte zum Wasserkocher, der nun pfiff.
„Ja offensichtlich.“ Erwiderte Mert
„Die einen Künstler morden und die anderen jagen Mörder.“ Er stand auf und nahm seine Jacke vom Stuhl.
„So noch nen Abstecher zum Kaffeeautomaten und dann fahr ich los.“ Er ging zur Tür.
Anna goss heißes Wasser in ihre Tasse, die bedruckt war mit einer verspielten Aufschrift: Best Catmom in Town.
Mert hatte ihr diese Tasse geschenkt.
„Von den Kollegen zum Geburtstag.“ Sagte er damals nur trocken.
Obwohl sie erst ihr zweites Jahr in Dortmund war, hatte sich längst rumgesprochen, dass sie Katzen liebte. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie hin und wieder eines der Katzenspielzeuge von Milo bei der Arbeit aus ihrer Tasche zog und dann erst leicht verärgert den Kopfschüttelte, aber dann lachen musste. Natürlich sprach man sie dann an, was so komisch sei.
Sie fand die Tasse einerseits ironisch, denn sie erinnerte sie auch daran, dass sie Milo mehr Zuwendung schenken sollte, andererseits fand sie sie als passende und persönliche Beschreibung von sich. Außerdem wusste jeder im Gebäude sofort, wem sie gehörte.
„Gut, ruf sofort an, wenn du etwas Neues weißt.“ Sagte Anna zu Mert
Er nickte kurz und schloss die Tür hinter sich.
Anna saß nun mit ihrem Tee wieder am Schreibtisch.
Vor ihr lag das Skizzenbuch in einer Beweisschutzhülle. Sie hatte jetzt auch Gummihandschuhe übergestreift.
Sie starrte es eine Weile an.
Warum hat man dich zurückgelassen? Fragte sie sich in Gedanken.
Das passt nicht zu dir Unbekannter. Du wirkst viel zu perfektionistisch, als das es Zufall sein kann. Also… Sie nahm jetzt einen großen Schluck Tee und verbrannte sich beinahe die Zunge. Sie hustete.
„Also willst du kommunizieren, ja?“ Keuchte sie hervor.
„Gut offensichtlich ein schlechter Zeitpunkt.“ Sagte sie zu sich selbst und lachte leise.
„Na schön, ich bin gespannt was du mir zu sagen hast.“
Sie öffnete das kleine Buch nun vorsichtig.
Die ersten Seiten waren harmlose Skizzen: Hände, Gesichter, Schattenstudien.
Dann folgten Herzen. Viele. Manche nur angedeutet, andere fast medizinisch korrekt.
Doch mittendrin kam eine Seite, die anders war.
Die Seite war komplett rot. Nichts stand dort.
Auffällig war nur, dass die Seite hastig und mit groben Strichen ausgemalt war. Noch etwas, das nicht zu der ansonsten so sauberen und präzisen Arbeit des Unbekannten passte. Ob mit einem Pinsel, einem Messer oder Skalpell. Der Unbekannte schien eine ruhige Hand zu besitzen und stets kontrolliert zu arbeiten.
Was hatte jetzt also diese grob strukturierte, einfarbige rote Seite zu bedeuten?
Anna strich mit ihren Fingern darüber und hielt plötzlich inne.
Unter ihren Fingerkuppen spürte sie einige Vertiefungen, wie feine Linien.
Sie keuchte vor Erstaunen. Hatte der Unbekannte etwa doch etwas geschrieben?
Vielleicht hatte er es dann wieder wegradiert oder verwischt und anschließt mit Rot übermalt.
Sie klebte einen Notizzettel auf die Seite und schlug das Heft zu. Nachdem sie es wieder in die Schutzhülle verpackt hatte, stand sie auf und lief mit schnellen Schritten den Flur entlang.
Sie klopfte und Till öffnete seine Bürotür.
„Anna?“ Sagte er überrascht.
„Den Bericht habt ihr doch schon erhalten oder…?“
Anna trat ein, nickte kurz und legte dann einen Zeigefinger an ihre Lippen, um ihm zu bedeuten, dass er zuhören sollte.
Sie hielt ihm jetzt die Schutzhülle mit dem Skizzenheft vor sein Gesicht.
„Ich habe darin etwas entdeckt und brauche deine Hilfe.“
Sie holte das Heft aus der Hülle und klappte es auf der Seite mit ihrer Markierung auf.
Till schaute sie fragend an dann sagte er: „Und? Was soll dort sein?“
„Fühl.“ Sagte Anna zu ihm. Till strich mit seinen Fingern über die Seite.
„Jetzt versteh ich. Da hat jemand, was geschrieben und du möchtest, wissen was.“
Anna sah ihn durchdringend an und nickte.
„Gut komm mit, ich werd das wieder sichtbar machen.“ Er nahm seine Jacke und gab Anna das Zeichen ihm zu folgen.
Sie standen nun in einem abgedunkelten Laborraum.
„So, schauen wir mal was sich machen lässt.“ Sagte Till Er schaltete die Schwarzlichtleuchte ein und spannte das Heft mit der geöffneten Seite in eine Klemme.
Er stieß Luft aus, ein offensichtlicher Ausdruck des Erstaunens.
Auch Anna musste schlucken.
„Also das hab ich jetzt wirklich nicht erwartet.“ Sagte Till verblüfft.
„Das war keine normale Schrift und sie wurde auch nicht einfach wegradiert.“ Fuhr er fort.
Anna schwieg. Sie starrte das Heft an.
„Das wurde mit Blut geschrieben…“ Till drehte seinen Kopf und sah zu Anna.
Sie starrte immer noch das Heft an dann las sie laut was dort geschrieben stand:
„Wer selbst kein Herz besitzt, muss es sich nehmen. Und wenn es einen verlassen will, muss man es begraben.“
„Das klingt wie ein Mantra des Täters. Eine Art Losung oder goldene Regel für das, was er tut.“ Antwortete Till
„Genau das.“ Sagte Anna nur. Es war wie sie gedacht hatte, der Unbekannte wollte etwas mitteilen und seinen Verfolgern einen Einblick in sein Seelenleben geben.
„Danke dir Till“ Sagte Anna. „Ich hab fürs Erste was ich brauche.“
Sie ging zurück in ihr Büro. Sie saß wieder an ihrem Schreibtisch und starrte auf den dunklen Bildschirm ihres PC’s. Sie verlor sich wieder in ihren Gedanken. Während sie dasaß, legte sie den Daumen und den Zeigefinger ihrer rechten Hand an ihr Kinn.
Du hast also kein eigenes Herz, ja? Du glaubst das Herz, nein die Liebe anderer zu brauchen und wenn sie dir entzogen wird…Aber du bist trotzdem kein Monster, sondern ein Mensch, der umhergeht, spricht, malt und mitten unter uns wandelt. Deswegen werde ich dich auch finden.
Das Klingeln ihres Handys aus der Manteltasche riss sie aus ihren Gedanken.
Es war Mert
„Hi, Anna. Ich hab tatsächlich Neuigkeiten. Lass uns doch zum Mittag treffen und weitersprechen.“ Er legte auf.
Anna sah auf die Uhr. Es war tatsächlich bereits Mittag und tatsächlich wurde das Ticken der Uhr auch nur noch vom Grummeln ihres Magens übertönt.
Fünfzehn Minuten später saß sie Mert gegenüber in der Kantine und berichtete ihm, was sie entdeckt hatte.
„Schön, also hat unser kleiner Poet ein Motto.“ Er redete wieder mit noch halb vollem Mund.
„Ja, und es ist beängstigend.“ Sagte Anna zu ihm. Sie hatte ihren Teller trotz ihres Hungers noch nicht angerührt.
„Er sucht offenbar danach etwas zu fühlen. Geliebt zu werden. Aber da er vielleicht seltsam ist schafft er es nicht jemanden bei sich zu behalten. Und dann setzt scheinbar Panik und Verlustangst ein. Er ist ein emotional zutiefst gestörtes Wesen. Gezwungen dieselbe Erfahrung immer und immer wieder zu machen. Ich glaube sogar, er will, dass es jemand beendet. Deswegen hat er wahrscheinlich auch das Heft dort gelassen.“ Anna beendete ihren Monolog.
„Also doch nur ein armer kleiner junger, der vielleicht seine Mutter verloren hat und bloß getätschelt werden will.“ Mert grinste sie an.
„Oberflächlich vielleicht ja. Aber hier haben wir es wohl mit einem erwachsenen Mann zu tun, der Frauen überwältigt und ausweidet.“. Sagte sie im ernsten Ton und begann nun zu essen.
„So, und jetzt du. Du sagtes du hast Neuigkeiten. Also erzähl.“
„Jap.“ Mert Grinste.
„Es gibt an dieser Kunstakademie wohl einen Kerl, der sich besonders für die menschlichen Proportionen interessiert. Und ganz besonders für die Anatomie.
„Nun wie ihr sehen könnt war das ziemlich heftige, stumpfe Gewalteinwirkung auf den Schädel des Opfers.“ Sagte der Gerichtsmediziner.
Anna stand zusammen mit Jansen und einem weiteren Ermittler um den kühlen Metalltisch, auf dem der gewaschene Körper des Opfers lag, herum.
„Der erste Schlag muss ihn von hinten getroffen haben, wonach unser Opfer zu Boden ging.“ Rezitierte der Mediziner weiter.
Jansen unterbrach ihn: „Wäre er dann nicht mit dem Gesicht nach vorn gefallen? So wie er aussieht, muss er die meisten Schläge aber doch von vorn erhalten haben oder nicht?“
„Das trifft zu und ist zugleich das erschreckende an seinem Tod. Scheinbar hat ihn der erste Schlag nicht bewusstlos gemacht. Er muss sich entweder von selbst umgedreht haben oder er wurde auf den Rücken gedreht. Erst dann begann die eigentliche Tortur. Das Opfer wurde so lange mit Schlägen malträtiert, bis ihm buchstäblich der Kopf platzte. Zuerst brach die Schädeldecke frontal und anschließend platzte auch das Gehirn des Opfers auf, während Knochensplitter eindrangen. Ich vermute die Tat wurde mit einer Metallstange oder etwas ähnlichem ausgeführt. Holz hätte bei dieser Wucht und Anzahl der Schläge Splitter hinterlassen. So etwas haben wir nicht gefunden, wohl aber kupferfarbene Partikel. Höchstwahrscheinlich Rostrückstände.“
Der Mediziner beendete seinen Bericht und schaute nun über den Rand der Akte, die er in Händen hielt zu ihnen hoch.
Anna fand die Vorstellung auf dem Rücken zu liegen und sich nicht wehren zu können während einem jemand offensichtlich voller Wut das Gesicht und den Schädel einschlug, grauenhaft. Wie lang mochte der Mann bei seiner Tortur noch bei Bewusstsein gewesen sein. Sich im Klaren darüber, dass er sterben würde und nichts dagegen tun könnte?
„Schön wir suchen also jemanden, der mit einer rostigen Eisenstange einen Obdachlosen im Park gekillt hat. Nicht gerade ein bedeutungsvoller Fall.“ Sagte Jansen in die Stille hinein.
„Das würde ich nicht unbedingt behaupten Chef.“ Mischte sich nun der dritte Ermittler ein.
„Der Mann war doch ziemlich bekannt in der Obdachlosenszene. Spitzname Eddie Korn. Wohl weil er im Park oft die Tauben mit Körnern fütterte und…na ja wegen seinem Lieblingsgetränk wohl. Jedenfalls war er bei den meisten anderen, die sich dort im Park rumtreiben nicht unbeliebt. Aber wirklich viel mehr erzählen wollte dort niemand.“
„Ok, dann müssen wir den Park observieren. Kümmern sie sich drum und sagen es den Streifen. Ich will Tag und Nacht Präsenz haben.“ Antwortete Jansen auf die Neuigkeiten.
„Schlechte Idee.“ Anna erhob nun das Wort.
„Wenn dort nun rund um die Uhr Polizeistreifen anwesend sind, werden die Obdachlosen sich eher woanders hin verziehen, wo sie weniger auffallen. Und was haben wir dann davon? Einen Menschenleeren Park, vielleicht einen toten Obdachlosen irgendwo anders, aber der Fall bleibt ungelöst.“
Der andere Ermittler nickte Anna bei ihren Ausführungen zu.
„Und was schlagen sie stattdessen vor Frau Slotkova?“ Fragte Jansen sie mit zusammengebissenen Zähnen.
„Mich. Ich schlage mich vor. Mein Gesicht könnte vielleicht ganz kurz heute Morgen aufgefallen sein, aber nicht wirklich einprägsam. Sie hingegen haben mit ihrem Auftreten gan bestimmt Eindruck hinterlassen und sie.“ Sie schaute nun zu dem anderen Ermittler hinüber. „Nun sie haben Befragungen durchgeführt, mehr muss ich dazu nicht sagen, oder?“
„Was haben sie vor?“ Jansen zog nun erwartungsvoll die Augenbrauen hoch.
„Ich werde auch Befragungen durchführen, aber ich mische mich vielleicht für nen Tag unter sie.“
„Das ist der frische Wind, den ihr Ermittlerteam braucht Jansen.“ Ohne dass es jemand bemerkt hatte, hatte Bernsdorf der Polizeichef den Raum betreten.
„Nun besorgen sie Frau Slotkova alles, was sie benötigt.“ Er tätschelte jetzt einem leicht säuerlich dreinschauenden Jansen die Schulter.






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