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Der Herzen Sammler 2.Akt Kapitel 16

  • simongra
  • 6. Apr.
  • 8 Min. Lesezeit


Auch hier als Audio verfügbar:



Kapitel 16 – Warnung


Anna stand noch immer regungslos in ihrer Küche. Milo schlich währenddessen unaufhörlich um ihre Beine und schnurrte dabei, als wollte er sie beruhigen.

Wie hat er rausgefunden wo ich wohne? Woher weiß er, dass ich einen Kater habe und wie er aussieht? Und warum gerade jetzt diese Provokation? Will er einfach nur kommunizieren, schocken oder tatsächlich drohen?

Annas Schläfen begannen nun zu pochen. Sie hatte so viele Fragen im Kopf, dass ihr vom Nachdenken schon schwindelig wurde.

Noch einmal schaute sie auf die Zeichnung und merkte wie ihr übel wurde. Sie rannte schweißgebadet in ihr Badezimmer und ließ alles, was sie für den Absender und seine Taten empfand in der Toilettenschüssel verschwinden. Dann stand sie auf, ging zum Waschbecken und sah in den Spiegel. Ihr blickte eine bleiche Frau entgegen, deren blutunterlaufenen, grünen Augen ihr aus dunklen und tiefen Höhlen entgegensahen. Sie schüttelte sich und drehte dann den Wasserhahn auf. Sie hielt zunächst eine Hand darunter. Das Wasser war eisig kalt. Dann nahm sie beide Hände und benetzte mit dem Eiswasser ihr Gesicht. Als sie wieder hochschaute, sah sie, wie ihre Wangen sich von der Kälte röteten. Milo maunzte jetzt laut, scheinbar war er noch immer in der Küche.

Mist ich hab wegen dem Mist ganz vergessen, dir dein Essen zu geben.

Sie ging zurück in die Küche und holte schnell Milos Futterbeutel aus dem Schrank. Dann ging sie in das Wohnzimmer. Sie wollte nicht zu viel Zeit in der Küche verbringen, solange dort noch immer die Zeichnung lag.

Nachdem sie Milo den Napf gefüllt hatte, ließ sie sich auf ihre Couch fallen. Sie lauschte dem zufriedenen Schmatzen und Schnurren des Katers. Dieser kam, nachdem er sein Mahl beendet, hatte zu ihr und legte sich auf ihren Bauch. Mit seinen smaragdgrünen Augen schaute er sie jetzt erwartungsvoll an, als wollte er sagen: so und was unternehmen wir jetzt gegen das da in der Küche? Aber Anna dachte nur: verdammt, wo bleibt Mert?

Dann klingelte es endlich.

Anna richtete sich so schnell auf, das Milo vor Schreck hochsprang.

Sie hastete zur Tür und wollte schon den Türöffner betätigen, dann zögerte sie einen Moment.

„Hallo, wer ist da?“

„Anna ich bins. Mach auf.“ Es war unverkennbar die dunkle und raue Stimme von Mert.

Anna saß an ihrem Schreibtisch und tippte das Gesprächsprotokoll von dem Verhör mit Moni ab.

Sie dachte daran zurück, wie sie Moni angeboten hatte bei ihr zu übernachten.

„Ach nein danke. Das ist ein nettes Angebot, aber weißt du, ich bin jetzt schon so lange draußen, ehrlich gesagt engen mich zu viele Wände ein. Außerdem hast du hier sowieso grad mal Platz für dich. Ich komme morgen früh wieder und hol dich ab.“

„Mich abholen?“ Fragte Anna sie verdutzt.

„Moni, du hast doch gar keinen Wecker oder doch?“

„Nein, und ich brauche auch keinen. Ich glaube ihr modernen Leute seit so an eure Geräte und Zahlen gewöhnt, dass ihr gar nicht mehr wahrnehmt, was überhaupt wichtig ist.“ Moni schaute ernst, während sie diese Worte sprach.

„Ich werde jedenfalls pünktlich genug sein und du wirst nicht eine Sekunde auf mich warten müssen. Glaub mir.“ Jetzt lächelte die alte Frau beinahe schelmisch.

Anna hatte sich dagegen trotzdem ihren Wecker gestellt. Sie wachte auf, frühstückte eine Kleinigkeit, wusch sich und zog sich an. Dann gerade als sie sich an ihr Bild setzen wollte, um es zu überarbeiten, klingelte es.

Sie öffnete die Tür zum Treppenhaus und rief hinunter: „ja, hallo?“

„Wie siehts aus wollen wir dann mal los?“ Es war die Stimme von Moni.

Anna war ehrlich überrascht. „Moment noch, muss noch kurz Schuhe anziehen.“

Keine zwei Minuten später lief sie neben Moni auf der Straße.

„Hast du irgendwie Zauberkräfte oder sowas? Ich war wirklich gerade erst fertig mit meiner Morgenroutine und tatsächlich nicht mal eine Sekunde später klingelst du bei mir. Ist schon ein bisschen beängstigend.“

Die alte Frau lachte jetzt: „wer weiß, wer weiß, vielleicht war ich sowas in einem früheren Leben.“

Dann verstummte sie kurz und sah dabei ernst und nachdenklich aus.

„Aber hör mal Anna, sag mir nochmal was mich erwarten wird. Ich mag dafür keine Überraschungen. Und überhaupt mit der Polizei zu reden ist schon eine“

„Ja klar, wir haben noch etwas Weg vor uns. Würde sagen wir gehen nochmal alles durch, bis wir da sind.“ Anna nickte ihr zu.

Mert stand in Annas Küche und starrte auf die Zeichnung. Anna stand währenddessen im Flur. Die Küche wollte sie immer noch nicht wieder betreten. Noch immer spürte sie aufkommende Übelkeit, sobald sie nur einen Fuß über die Schwelle setzte.

„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich dazu sagen soll Anna.“ Mert drehte sich langsam zu ihr um und schaute sie wie versteinert an.

„Es ist offensichtlich, dass du das sein sollst. Aber erschreckender ist, dass der Kater auf dem Bild exakt aussieht wie Milo.“ Er legte Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand ans Kinn und tippte mit dem Zeigefinger gegen seine Wange.

„Elias muss dich beobachtet haben.“ Schloss er. Dann hastete er zum Fenster und schaute hinaus.

Anna hatte ihm bisher nur zugehört. So weit war sie mit ihren Gedanken auch schon gekommen, doch jetzt wo jemand anderes die Tatsache aussprach, wurde ihr vollends bewusst, was das bedeutete. Er hat mich beobachtet.

„Du glaubst also endgültig, dass es Elias ist, den wir suchen?“ Fragte sie Mert.

Der drehte sich wieder um und trat aus der Küche in den Flur, wo Anna noch immer stand.

„Ich habe langsam überhaupt keine Zweifel mehr. Der Junge ist schon länger untergetaucht und es gibt einige klare Indizien.“

„Aber die gibt es für Frederick auch. Also wie könnte er es angestellt haben? Ich meine der Fingerabdruck von Frederick oder seine Schrift. Woher hat er das?“

„Haben die beiden nicht angeblich für ihr Studium auch mal zusammengearbeitet? Was wäre, wenn er Material davon zur Seite geschafft und für sich behalten hat?“

„Aber warum hätte er das tun sollen? Außer, wenn er geplant hätte eine Mordserie zu begehen und sie Frederick anzuhängen?“

„Vielleicht ist es genauso. Du sagtest doch bereits, dass der Täter deiner Meinung nach nicht spontan und im Affekt handelt. Also vielleicht hat er das wirklich schon lange geplant und bis hier hin inszeniert.“ Mert ging nun ins Wohnzimmer und setzte sich auf Annas Couch.

„Du hast nicht zufällig was zu trinken hier? Ich meine kein Wasser.“ Er seufzte.

„Nein, hab ich nicht. Aber ehrlich gesagt seh ich auch, dass es dich in den Fingern juckt. Und ich kann grad nicht hier sein. Also lass uns raus. Dann kannst du auch noch rauchen.“

„Also du warst im Park richtig? Kannst du mir noch sagen wann ungefähr? War es morgens oder abends? Nach der genauen Uhrzeit frag ich schon gar nicht.“ Anna lachte kurz auf.

„Das war früh morgens. Ich meine sehr früh morgens. Da liefen noch nicht mal die schneidigen Geschäftstypen auf dem Weg zur Arbeit durch den Park. Bis auf den einen.“

„Den einen? Du meinst den Kerl, der mit Eddie gesprochen hat?“ Fragte Anna.

„Ja, richtig. Ein aalglatter Typ, trug zwar auch nen Anzug, aber sah gleichzeitig trotzdem ungepflegt aus, als hätte er den schon seit Tagen angehabt und auch darin geschlafen.“ Moni schüttelte den Kopf.

„Und dieser Mann…“ Anna zögerte einen Moment. „Hast du ihn da schon öfter gesehen oder an diesem Tag zum ersten Mal?“

„Du stellst wirklich Fragen Kind. Ich bin mir nicht sicher, normalerweise sprach Eddie nie mit irgendwelchen Anzug Trägern. Aber es kann sein, dass ich diesen Kerl schonmal bei Eddie gesehen hatte.“

Moni schob ihren Wagen langsam über die Straße, die gegenüberliegende Ampel war bereits wieder auf rot gesprungen und ein Auto begann sogleich auch schon zu hupen.

Anna störte es genauso wenig, dass sie von allen ringsum beobachtet wurden. Dieses ungleiche Paar, eine adrett gekleidete, junge Frau, mit dynamischen Schritten und daneben die ältere Frau mit filzigen Haaren, schmuddeliger Kleidung, aber ruhig und besonnen ihren Einkaufswagen, gefüllt mit zahlreichen Plastiktüten, die randvoll gefüllt waren mit allerlei Zeugs und Plunder, vor sich herschiebend.

„Ok, und jetzt nochmal zu dem Gespräch zwischen den beiden, du hast angedeutet, dass Eddie sowas von sich gab wie: er hätte geredet.“

„Ja, ich konnte nicht alles hören, hatte ehrlich gesagt bei dem Tonfall der beiden auch keine große Lust näher hinzugehen. Jedenfalls klang das für mich, als würden die beiden schon länger Geschäfte miteinander machen.“

„Und du vermutest Eddie hat dann mit jemandem geredet, der nichts davon wissen sollte. Z.B. einem Kunden, Konkurrenten oder vielleicht…“ Wieder zögerte Anna. „Einem Polizisten?“

„Eddie war wirklich ein sehr sehr guter Freund von mir und wir kannten uns schon seit Ewigkeiten. Trotzdem hab ich keine Ahnung wo er da reingeraten ist. Er hat hin und wieder auch mit Drogen zutun gehabt ja, aber das war nicht die ganze Zeit so.“ Moni machte einen langen Seufzer.

Anna lief neben Mert auf der Straße.

„Also ich sags ungern, aber in deiner Wohnung kannst du in nächster Zeit nicht bleiben, jedenfalls nicht allein.“ Mert nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette.

„Was schlägst du vor? Willst du bei mir einziehen?“ Anna lächelte schelmisch.

„Quatsch, nein, ich dachte eher wir suchen dir ein Hotelzimmer oder was ähnliches.“ Stammelte Mert.

Anna entging nicht, dass Mert tatsächlich errötete und lächelte in sich hinein.

„Willst du hier warten? Ich hol uns eben zwei Bier von da vorn.“ Sie deutete mit der Hand geradeaus, wo ein leuchtendes Schild mit der Aufschrift Kiosk zu sehen war.

„Vielleicht auch noch was anderes, was auch länger warm hält, denn du hast recht, ich kann zumindest heute Nacht bestimmt nicht wieder in meine Wohnung.“ Dann ging sie, ohne eine Antwort abzuwarten.

Fünf Minuten später kam sie zurück mit zwei Flaschen Bier einem Vodka und Energydrinks und einer Packung Cracker.

Mert staunte: „du hast wirklich vor die Nacht durchzumachen.“

„Mert, ich werd heute ganz bestimmt nicht schlafen können. Wenn du lieber nachhause möchtest, mach das. Ich kann alleine klarkommen, ich hab keine Angst.“ Doch das war nur die halbe Wahrheit.

„Als ob ich dich jetzt alleine lasse. Selbst wenn kein Irrer dir irgendwo auflauern könnte. Dir geht es nicht gut und du kannst mich damit auch nicht anlügen. Ich werd dich auch nicht davon abhalten dich zu betrinken. Außerdem hast du Angst. Ich hab auf jeden Fall welche.

Anna schaute ihn an, sie hatte beide Biere geöffnet und reichte ihm nun wortlos eine Flasche.

Mert nahm sie entgegen und sie stießen an. Es war ein Moment des blinden Verstehens zwischen Ihnen.

Anna wusste, dass er sie nicht für schwach hielt, auch wenn er sich offensichtlich große Sorgen machte. Er hat selber Angst, dachte sie. Angst jemanden zu verlieren, der ihn versteht.

Vor ihr hatte es kein Kollege lange mit Mert ausgehalten, doch dann kam sie und nahm ihn und seine Sprüche anders war. Und jetzt waren sie plötzlich auf einer gemeinsamen Mission, die nicht nur andere, sondern auch ihre eigenen Leben betraf.

„Drogen sagst du?“ Anna blieb plötzlich stehen.

Moni fuhr mit ihrem Einkaufswagen zunächst weiter und schaute sich dann verdutzt um, als sie Anna nicht mehr neben sich sah.

„Ja, von Zeit zu Zeit kam es vor, dass Eddie an was rankam. Aber bis auf zu viel Alkohol hat er selbst nichts genommen. Er verkaufte es und holte sich dann von dem Geld, dass was er brauchte.“

„Nun, Moni wir haben auch schon ein bisschen über Eddie herausgefunden.“ Anna hatte wieder aufgeholt.

„Er hatte offenbar ein Konto bei einer Bank. Ich habe die Daten sehen können. Immer wieder Bargeld Einzahlungen, sonst keine Überweisungen. Das spricht für mich dafür, dass er wieder mit Drogen gehandelt hat.“

„Ein Bankkonto…“ Moni schwieg eine Weile. „Ich hab ihn nie zu einer Bank gehen sehen. Und besonders viel Bargeld hat er auch nie rumgeschleppt.“ Moni schüttelte wieder den Kopf.

„Aber es stimmt. Er war scheinbar geschickt genug, um die Sache selbst vor seinen Freunden geheim halten zu können.“

„Nun, und was vermutest du jetzt? Dass Eddie von einem Drogenring hingerichtet wurde? Der Typ sah zwar geschäftsmäßig aus, aber eher wie ein Kunde, wenn du verstehst.“

„Wie auch immer, wir haben nur leider bisher nichts zu dem zweiten Mord im Park und falls es derselbe Kerl sein sollte, brauchen wir deine Beschreibung umso mehr.“

„Die werd ich euch geben, ich hoffe ihr könnt damit was anfangen, aber danach lasst mich in Ruhe. Du auch, ja? Ich hab heute selbst schon genug erfahren. Ich hab Eddie jedes Mal wenn er wieder anfing zu verkaufen gesagt, dass wird nicht gut enden.“

„Ok, ich danke dir Moni, es ist wirklich sehr wichtig für uns. Wir sind da.“


 
 
 

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